Siri

 

Siri

Von Cornelia Uta




Unsere Zukunft hat schon begonnen und wir leben noch immer in unserer Vergangenheit

















 











Berlin

Paula ist auf dem Heimweg. Berlin schläft eigentlich nicht, aber trotzdem sollte man die Nebenstraßen mit Vorsicht genießen. Solange man in der Nähe der Kneipen und Restaurants bleibt ist alles gut. Hier ist Leben und Betrieb, Menschen. Ab und zu muss man die Straßenseite wechseln, weil ein Junky oder Betrunkener am Boden liegt. Das alles nimmt man in Kauf, es ist hier normal. Jetzt schnell noch im Späti einen Absacker nehmen und ein paar Pommes, fein. Sicherlich sind auch noch ein paar bekannte Gesichter da, für den letzten Schwatz für heute. Sommer in the city ist einfach genial. Paulas Freunde von der Uni sind noch im Club geblieben. Die haben nicht den Druck, den Paula ständig hat. Das Studium, die Klausuren, alles muss gestemmt werden. Heute ist Freitagnacht, morgen noch was lernen. Sonntag hat Paula Dienst bei Tante Lustig, in Köpenick, als Servicekraft in einem Ausflugslokal. Gute Arbeit, gute Bezahlung, nette Gäste, die auch mal ein gutes Trinkgeld springen lassen. Den zweiten Job hat Paula als Hundesitter in der Nachbarschaft. Morgens mit dem nervigen Terrier Gassigehen, vor der Uni. Da hat die Familie keine Zeit. Alle müssen schnell weg. Job, Schule. Mittags sollten die beiden Teenagern mit dem Hund raus. Der arme Kerl sitzt bestimmt oft mit zusammgepressten Beinen und wartet. Diese Familie braucht eigentlich keinen Hund. Niemand hat Zeit für ihn. Egal die 300 €. Im Monat sind leicht verdient. 

Im Späti ist wenig los. Ein paar alte händsärmelige Kerle diskutieren die Bundesliga durch. Alles Sofatrainer, keiner mach einen sportlichen Eindruck. Flaschenbier und Jägermeister, Fußball und Frauen, was braucht der Mann mehr für einen schönen Feierabend. Draußen auf der Bank sitz eine bildhübsche Frau, so Paulas Alter. Paula holt sich Pommes und einen Gin Tonic in der Dose, dann setzt sie sich zu der Frau. Die sieht echt interessant aus, die passt nicht wirklich hier hin. Bestimmt eine Touristin, die mal Berlin so richtig erleben will. Mädel, aufpassen. „Hallo“ sagt Paula „ ist es ok wenn ich mich hier dazusetze?“. Wunderschöne Augen schauen Paula scheu an, sie nickt. Die Augen haben etwas asiatisches. Das Gesicht ist wie gemalt, glatt, ohne Makel. Sie trägt ein kurzes Kleid und hat einen viel zu großen Kapuzenpulli drüber. Irgendwie sieht sie verloren aus. „ magst Du auch ein paar Pommes?“. Sie schüttet den Kopf. “Sprichst Du Deutsch?“ sie sagt „ja“ und lächelt. Was für eine Stimme, voluminös und angenehm. „Wohnst Du hier in der Gegend? Oder hast Du Dich verlaufen? Ich hab Dich hier noch nie gesehen“. Die Frau antwortet „ ich habe noch keine Wohnung hier, aber ich suche“.  Paula wundert sich „ jetzt, hier bei Nacht wird das schwierig. Woher kommst Du?“ Die Frau überlegt. „ Ich komme aus einem Vorort, aber da musste ich weg. Unangenehme Leute. Ich habe in einem Versuchslabor gearbeitet. Da will ich jetzt nicht mehr sein.  Hier ist es besser. Kannst Du mir dabei helfen? Ich kenne mich hier nicht aus. Ich brauche nicht viel, einen Raum und Strom um die Akkus zu laden.“. Aha denkt Paula, Ärger in der Firma, Ärger mit dem Partner, immer dasselbe, sogar wenn man aussieht wie ein Model von Vogue. Paulas Drink ist alle, das Gespräch ist zu interessant um jetzt zu gehen. „ ich hol mir noch was, magst Du auch?“ Die Frau schüttet den Kopf. „ Ich zahle auch, wenn Du kein Geld hast“ sagt Paula. „ Nein danke, ich brauche nichts und Geld habe ich, aber sehr freundlich“  Paula geht rein und holt sich noch einen Gin Tonic. 

Die mittlerweile betrunkenen Kerle pöbeln Paula an, das ist normal zu dieser Stunde. Paula gibt ein paar passende Kommentare ab und fragt nach den Befinden der Ehefrauen, die sie angeblich kennt und schon ist die Luft raus. Die Kerle trotten nach Hause, Arm in Arm, als hätten sie einen großen Sieg errungen.

Wieder draußen auf der Bank prostet sie der Frau zu und sagt „ ich bin Paula, wie kann ich Dich ansprechen?“.  Die Frau lächelt „ ich heiße Siri, nett Deine Bekanntschaft zu machen.“. Aha, Siri, Paula überlegt, wie konnte man sein Kind vor ca 22 Jahren schon Siri nennen, antwortet aber „ na den Namen kann ich mir gut merken“. Siri schaut bedröppelte drein. „Sorry, war nicht böse gemeint. Nur mit Siri verbinde ich die Sprachsteuerung meines I phones. Aber es ist ein Name, der zu Dir passt, ehrlich und außerdem auch ein Stern am südlichen Himmel“.  Paula ist nun leicht angetrunken und wieder in Partylaune. „ wollen wir noch mal ne Runde um die Häuser ziehen“. Siri schüttet den Kopf, „ mein Akku ist für heute fast leer, ich brauche eine Unterkunft, ich muss  mich aufladen“ Ja, ist vernünftig, es ist auch schon fast drei Uhr morgens. Man sollte ins Bett und schlafen, Akku laden. „ wo willst Du jetzt schlafen?“. Siri schaut traurig „ keine Ahnung, ich habe meine Papiere verloren, ohne Papiere kein Hotel. Ich habe es schon versucht. In der Innenstadt habe ich keine Chance, deshalb bin ich hier gelandet, aber hier sind keine Hotels. Ich hatte mir das einfacher vorgestellt“.  Paula ist jetzt im Betreuermodus. „ Du kannst bei mir auf der Couch schlafen, ist ne winzige Wohnung mit zwei Zimmern. Wenn Du magst, gerne. Morgen schauen wir dann mal, ob sich was findet“.  Siri ist mehr als dankbar. „ ich brauche nicht viel, nur etwas Strom“. Paula strahlt, „prima, dann lass uns gehen, wo ist Dein Gepäck? Siri senkt den Blick. „ ich habe nichts mitnehmen können, aber ich habe Geld, ich zahle Dir die Unterkunft und morgen kaufe ich neue Kleidung“ Sie zeigt Paula ein Bündel Geldscheine. Paula findet das jetzt wieder merkwürdig, aber zurückrudern will sie jetzt auch nicht mehr. Die Frau sieht nett aus und braucht Hilfe. Wird schon gut gehen.

 Die beiden gehen los, über die Straße, um Ecke und hoch in den vierten Stock, ohne Fahrstuhl. Paula ist oben fix und fertig. War ein langer Tag und zu viel Alkohol. Siri atmet völlig ruhig und hat keinen Tropfen Schweiß vergossen. Die ist mal gut trainiert. Klar von nichts kommt nichts, so eine tolle Figur nicht. Siri gefällt die Wohnung. Sie schaut sich um, als wäre sie zum ersten Mal in so einer Wohnung. Paula nimmt sich vor, morgen beim Frühstück mal alles genau zu hinterfragen. Die kommt sicherlich aus gutem Haus, Villa im Grunewald, mit Pool und Personal. Paula holt Bettlaken, Kissen und eine Decke. Das Sofa kann man ausklappen und es entsteht ein Bett. Siri ist begeistert „ Ich habe ein eigenes Bett“ lacht sie. „ Wo ist der Stromanschluss“?  Die hat nur ihr Handy im Kopf und aufladen denkt Paula. Sicherlich will sie rumtelefonieren, Nachrichten lesen. Soll sie. „ ich bin hundemüde, ich geh direkt ins Bett. Das Bad ist hier, Handtücher sind im Regal und die Küche ist dort, Du kannst Dir gerne noch was zu trinken nehmen. Essen ist nicht viel im Haus. Morgen geh ich einkaufen. Gute Nacht“. Paula schließt vorsichtshalber ihre Tür ab.

Samstag 

Am nächsten Morgen wird Paula erst spät wach, die Nacht war kurz und ihr Schädel brummt etwas, zu viel Alkohol. Siri sitzt auf dem Sofa. Das Bett sieht unbenutzt aus, als hätte sie gar nicht darin geschlafen. Womöglich hat sie die ganze Nacht gesessen und gechattet. „Hast Du gut geschlafen ?“ Siri schaut auf, „ja, phantastisch, ich hole nachher Geld und bezahle meine Übernachtung. Wieviel bekommst Du“?    Paula lacht. „ Du kannst mich zum Frühstück einladen. Gegenüber ist ein nettes Café, die haben lecker fruitbowls und frisch gepressten Saft und Croissants und den besten Kaffee hier. Geh Du erst mal ins Bad, ich räume hier auf“ 

Siri ist schnell fertig im Bad. Dann geht Paula flott unter die Dusche. Fertig fürs Frühstück. Die beiden verlassen die Wohnung und gehen über die Straße. Das Café ist niedlich. Ein kleiner Vorgarten mit viel Grünzeug und Blechtischen und Gartenstühlen. Fast wie Südfrankreich. Paula trifft ein paar Bekannte, an deren Tisch ist noch was frei. „hallo, was geht, ihr seht auch noch etwas angeschlagen aus, war ne lange Nacht. Darf ich Euch Siri vorstellen, sie sucht hier in der Gegend ne Bleibe“. Zerknautscht schauen die Freunde auf und brummeln „hallo Siri“. Mehr geht nicht, zu müde. Siri steht unschlüssig am Tisch und sagt dann „ Ich gehe noch kurz zur Bank, Bargeld holen. Bin gleich wieder da“. Weg ist sie.  Paula denkt, oha, die macht sich jetzt schnell aus dem Staub, ist wohl doch zu rustikal hier. Die Freunde  schauen auf. „ wo hast Du die denn gefunden? Sieht edel aus. Wie heißt die nochmal? Alexa ?“. „ du bist so ein Arsch Tom, sie heißt Siri. Kann nicht jeder so einen langweiligen Namen haben wie Du. Ich habe sie heute Nacht im Späti getroffen, sie wusste nicht wohin und sie ist sehr nett“ Tom antwortet „ sie hat bei dir geschlafen? Pass bloss auf, vielleicht wird die gesucht und Du hast ratzfatz die Russen an den Hacken. Die sieht aus wie so ne Edelnutte.“ „ Sie sieht schon sensationell aus“ stellt Paula fest, dass das schon so sein kann. Kein Gepäck, keine Papiere. Vielleicht ist es gut, dass sie jetzt weg ist. Erst mal gut frühstücken. Nach einem Omelett und zwei Milchkaffee ist die Welt wieder in Ordnung. Sie quatschen und blödeln rum. Nach gut einer Dreiviertelstunde verabschieden sich die Freunde. Paula will jetzt auch zahlen, da erscheint Siri mit einem riesen Blumenstrauß.  „ich weiß nicht, wie ich Dir danken sollte. Sorry hat auf der Bank etwas gedauert, viel Betrieb. Da hängen auch ein paar Anzeigen über Wohnungen. Die habe ich studiert. Aber ohne Papiere kann ich da wohl keine von mieten.“. „ setz Dich erst mal und iss was“. Sagt Paula. Siri antwortet „ Nein Danke, ich hab auf dem Weg was gegessen, aber Deine Rechnung zahl ich noch und dann gehen wir shoppen“.  Die Bedienung kommt und Siri zahlt. 

Paula ist hin und her gerissen. „ ich muss heute noch für die Uni lernen, ich habe eigentlich keine Zeit. Wir können uns ja später wieder hier treffen. Ruf mich an, hier ist meine Nummer“. Sie zeigt Siri ihr Handy. Siri schaut auf das Display und nickt. „Ich ruf Dich in ein paar Stunden an, wenn ich fertig bin“  Na gut denkt Paula, mal schauen, wie es weitergeht. Kann die sich eine Nummer so schnell merken? Sie nimmt ihre Blumen und geht. Siri winkt und geht zur U Bahn.

Paula geht nach Hause und brütet über griechischer Geschichte, sie studiert Anthropologie. Eines Tages wird sie im neuen Humboldt Museum forschen, das ist der Plan, deshalb muss sie nicht nur gut, sondern sehr gut sein. Es ist nicht gescheites zu essen im Haus. Sie trinkt Leitungswasser und isst Kekse, muss mal so gehen. Später muss sie einkaufen. Die Zeit vergeht, gegen 17 h ruft Siri an. Sie sitzt im Café. Paula verspricht gleich zu kommen. Wie komm ich aus der Nummer wieder raus, denkt sie.

Siri sitzt wie eine Schaufensterpuppe im Café. Neben ihr ein Berg mit Tüten. Sie trägt jetzt eine weite weiße Hose und eine gestreifte Bluse, edel denkt Paula, die noch immer in Shorts und T-Shirt ist. 

„Hallo, Paula, was willst Du essen? Du siehst hungrig aus. Bestell Dir was Du magst, ich zahle.“. Paula bestellt sich Wraps mit Guacamole und Chicken, dazu ein Bier. Sie isst mit gutem Appetit. Vor Siri steht ein Glas Wasser. „ isst Du nichts?“. „Danke, aber ich hab schon“ sagt Siri und nippt an ihrem Wasser. Wahrscheinlich hat sie einen Selliestrange gekaut. Denkt Paula und lässt es sich schmecken. 

„Ich habe Dir auch ne Kleinigkeit gekauft und hoffe es gefällt Dir“ Sie angelt aus einer der Tüten ein Sommerkleid hervor. So ein fluffiges weites Etwas in weiß mit blauem Muster, griechische Farben. Paula ist baff. „ das ist aber traumschön“ sagt Paula „ das wäre aber nicht nötig gewesen, das kann ich nicht annehmen.“ „Doch, Du musst mir den Gefallen tun und heute Abend lade ich dich in den Beach Club ein, der gegenüber dem Bahnhof. Ich habe schon reserviert, für 9 h zum Sundowner. Das ist der angesagtesten Club zur Zeit. Chillen im Liegestuhl, gute Musik und und und“. Paula wird jetzt stutzig.  „Was willst Du von mir? Ich bin nicht lesbisch, oder so“. Siri lacht. „ Alles gut, ich bin nur so froh, Dich getroffen zu haben. Du bist der einzige Mensch, den ich hier kenne und Du hast ein gutes Herz. Du teilst das bisschen das Du hast mit einer Fremden. So etwas findet man nicht oft. Ich habe Dich gefunden und möchte auch alles was ich habe mit Dir teilen. Dummerweise habe ich nur Geld. Keine Freunde, keine Identität, kein zu Hause. Wenn Du mir bei der Wohnung helfen könntest, wäre das hilfreich. Dann hätte ich wenigstens eine eigene Bleibe. Kann ich so lange bei Dir wohnen?“. Paula ist damit jetzt überfordert. „ich muss noch einkaufen und dann gehen wir in meine Wohnung. Ich muss das überdenken.“

Siri zahlt die Rechnung und die beiden gehen zum Supermarkt. Paula kauft Obst, Brot, Aufschnitt, Fertiggerichte, Chips und Wein, was ein Student so braucht. Und eine Zahnbürste für Siri. Siri zahlt alles. Paula kommt sich irgendwie auch gekauft vor. Denn mit der Zahnbürste hat sie eine Entscheidung getroffen. Wird schon gut gehen. Sie schleppen die Beute nach Hause. 

In der Wohnung probiert Paula das Kleid an, ein Traum. Sie sprechen nochmals über ihren Deal. Siri scheint wirklich viel Geld zu haben und will eine Eigentumswohnung kaufen. In der Bank war ein Aushang einer Altbauwohnung in der Nähe. 250000€. Das Geld hat sie angeblich. Sie braucht nur einen Strohmann/ Frau, der den Kauf tätigt. Paula will wissen, warum sie sich keine neuen Papiere besorgt. Man kann das doch bei der Polizei als gestohlen melden. Dann hat man in ein paar Tagen neue Papiere. Sire wollte es nicht über ihren Namen machen, schließlich sei sie auf der Flucht. Aber am Montag will sie das angehen. Hoffentlich ist die Wohnung dann noch zu haben. Bei dem Preis bestimmt, denk Paula. 

Danach machen sich die beiden abendfein und fahren zum Beach Club. Paula war noch nie hier, das ist für normale Studenten etwas elitär. Schaulaufen im Abendrot. Die Blicke vieler Besucher folgen den beiden. Siri ist auch der Knaller, Paula kommt sich vor wie ein Dorfkind. Siri bestellt Cocktails und Snacks. Sie liegen in den bequemen Liegestühlen und genießen den Sonnenuntergang. Natürlich kommen ein paar junge Männer und fangen smalltalk an. Siri flirtet gekonnt, mit Witz und Esprit. Vielleicht war sie vorher Edelhostess. Paula hinterfragt nicht und genießt die neue Erfahrung, mal nicht im Studentenclub oder im Späti zu sein. Auch schön, normalerweise lästern sie über diese Kinder reicher Eltern, die noch nie was selbst gestemmt haben, außer Champagner Gläsern. Widererwartend sind diese Leute auch lustig und nett. Auch die haben Jungenstreiche im Kopf und Schabernack. Die netten Jungs spendieren weitere Cocktails, es wird immer ausgelassener, es wird getanzt und geflirtet. Paula beobachtet wie Siri heimlich ihren Cocktail in den Rasen kippt. Aha, deshalb wird die nicht betrunken. Sie selbst ist schon gut angetrunken. Oh mein Gott, morgen muss ich arbeiten. Sie gestikuliert Siri, ich muss nach Hause. Siri versteht und sie verabschieden sich und nix wie weg. Tapfer haben sie ihre Telefonnummern nicht rausgegeben, aber sich für nächste Woche auf dem Gendarmenmarkt verabredet . Da ist Open Air Kino.Mit der U Bahn nach Hause und schnell ins Bett. 

Sonntag 

Am nächsten Morgen zu spät aufgestanden, keine Zeit für Frühstück. Paula sagt. „Ich kann im Restaurant ne Tasse Kaffee trinken und was essen, die Chefin ist da entspannt. Sie ist froh, wenn sie zuverlässig Leute hat. Um 11 h muss ich aber da sein, also hopp hopp. Kommst Du mit, Du kannst Dir Köpenick anschauen und bei uns zu Mittag essen. Diesmal zahle ich“. Siri freut sich über das Angebot und die beiden schieben los. 

Das Restaurant liegt idyllisch am Ufer und es ist schon reichlich Ausflugsverkehr. Paula muss gleich loslegen. „ Schau Dich um , Du findest mich bis 21 h mindestens hier. Wird ein langer Tag bei dem Wetter.“ Paula gibt Siri einen Hausschlüssel. Siri ist gerührt von so viel Vertrauen. 

Der Tag wird für Paula richtig lang. Reservierungen, Geburtstagsfeiern, Hochzeitstag. Drei mal mit dem Küchenpersonal und Töpfen palimmpalimm ein Ständchen gebracht und dann noch das übliche Geschäft. Keiner hat Zeit. Hinsetzen, bestellen und nach fünf Minuten alles auf dem Tisch. Die glauben alle das Personal kann hexen. Um 21 h taucht Siri auf. Das Restaurant ist noch voll, der Abend zu schön um zu gehen. Die letzten Gäste sind im Rentenalter und noch nicht bereit das Feld zu räumen. Die müssen morgen nicht früh raus. Noch ne Weiße mit Schuss, noch en Aperol. Paula ist am Ende. Egal, der Tag war lukrativ, gutes Trinkgeld, fast 11 Stunden im Dienst. Siri wartet am Tresen. „Kann ich Dir was helfen?“. So hilf sie die letzten Gläser in die Küche räumen, die Tische abdecken, die Teelichter wegräumen. Sie begreift schnell. Als dann endlich Feierabend ist, läd die Wirtin alle noch auf einen Drink ein. Auch Siri ist eingeladen. Die ist gerührt „ ich hab doch nichts gemacht“.  Die Chefin lobt sie für ihre schnelle Auffassungsgabe. „ wenn Du magst, kannst Du hier den Sommer über arbeiten“. Da ist wieder Siris Problem, keine Papiere. Paula erklärt der Chefin in groben Zügen das Problem. Aber Siri will am Montag zur Polizei und alles klären. „ Wie Du hast auch keine Wohnung? Das ist übel. Ich habe eine Zweizimmerwohnung hier um die Ecke, die hatte ich über Airbnb vermietet, aber die Stadt macht Stress. Das lohnt fast nicht mehr. Wenn Du bar zahlen kannst , kommen wir ins Geschäft. Da frag ich auch nicht mehr weiter. Eigentlich 700 € die Woche, aber Du kannst sie im Monat für 1500 € haben, alles inclusive. Du bist dann eine Tochter einer Freundin und wohnst offiziell kostenlos. Aber Papiere brauchst Du, für den Fall, dass die Gendarmen kommen“. Siri ist begeistert. „Wann kann ich einziehen?“ „ hoppla, ma langsam mit die ollen Gäule, willst Du nicht erst mal anschauen was das ist. Du siehst aus, als wärst Du was edles gewohnt. Es ist ne kleine Wohnung mit Erker. Wir können uns ja morgen Mittag treffen und ich zeige sie Dir.“ „ ja abgemacht, wieviel Uhr?“ Siri ist völlig aus dem Häuschen. Die Chefin sagt „ Das Restaurant hat morgen Ruhetag. Du erledigst das mit den Papieren, sagen wir 17 h?“ Siri ist total aufgeregt „ ja, ja ,ja, das ist toll, danke“.

Montag 

Der nächste Morgen ist für Paula Business as usual. 6.30 h aufstehen. Um 7 h den Hund gassi führen. 8 h Abmarsch in die Uni. Siri sitzt auch um 6.30 schon parat um das mit den Papieren zu regeln. „ ola“ sagt Paula „so früh am Montag würde ich denen nicht schon auf den Zeiger gehen“ Aber Siri ist überzeugt, dass sie das schon hinbekommen kann. Paula also ab in die Uni und Siri zum Amt. Für den Abend verabreden sie sich am Hackerschen Markt. Siri soll sich melden, wenn sie was braucht.

Gegen Mittag erhält Paula eine Nachricht, mit einer Telefonnummer. Siri hat ein neues Handy. Paula ruf sofort zurück „ hallo, das ist super, jetzt kann ich Dich auch erreichen. Wie ist es bisher gelaufen?“ Siri antwortet „ ich hab erstmal vorläufige Ausweise, noch nur digital, Aber die sind auch anerkannt. Die richtigen erhalte ich in 14 Tagen.“ 

Um 18 h treffen sie sich auf dem Hackerschen  Markt. Siri sitzt in einem spanischen Restaurant und grinst. Paula war noch nie hier, das Restaurant ist teuer. Um die Ecke ist das Irish Pub, da ist es preiswerter. Aber Siri winkt ab „wir müssen das feiern, ich habe jetzt eine Identität. Ich zahle, suche Dir war leckeres aus.“ Sie entscheiden sich für  gemischte Tapas und Cava, spanischen Sekt. Bis das Essen kommt hat Paula schon zwei Gläser weg und ist halblustig. Dann macht sie sich halbverhungert über die Tapas her. „Zeig doch mal Deinen Ausweis“.  Siri packt ein nagelneues I phone aus und zeigt Paula einen digitalen Personalausweis. Siri Schmidt, geb. 01.01.2000 in Potsdam, Augen grün. „ das ist ja mal ein cooles Geburtsdatum, und das ging jetzt so schnell. Normalerweise sind die Behörden nicht so flott. Mit was hast Du die bestochen?“ im Stillen denkt sie, dass Schmidt nicht der Name war den sie erwartet hatte, eher ein ausgefallener Name mit von Soundso. Siri lächelt „ es war eigentlich ganz einfach, man muss nur die richtigen Tasten drücken. Ich war auch schon in Köpenick und habe die Wohnung angeschaut und für drei Monate im Voraus bezahlt. Ich komme jetzt noch mit zu Dir und hold meine Sachen. Dann hast Du Deine Wohnung wieder für Dich alleine.“ Paula ist geschockt. „Ich hatte mich schon so an Dich gewöhnt, ich wollte Dich nicht so schnell rausschmeißen. Wann kann ich die Wohnung mal anschauen?“ Siri lächelt „für heute bist Du sicher zu müde, der Weg ist weit. Komm doch einfach morgen nach der Uni zu mir. Wir bestellen was zu essen, kochen kann ich beim besten Willen nicht.“ Paula stellt fest, dass sie die Tapas fast alleine gegessen hat. Siri hat mal wieder nur gepickt und den Cava hat Paula auch fast alleine getrunken. Siri zahlt und die beiden laufen zur U Bahn. Siri hat jetzt auch eine eigene Monatskarte. Na das wird jetzt alles gut.  In Paula Wohnung packt Siri ihre Tüten und die beiden verabschieden sich „bis morgen, ich bin gespannt“ sagt Paula. 

Als Siri weg ist, setzt sich Paula an den Computer und googelt nach Siri. Nix zu finden. In Potsdam wohnen hunderte Schmidts. Die ist schon merkwürdig. Morgen frage ich sie mal richtig aus.

Dienstag 

Der nächste Tag startet für Paula, wie immer. Sie schickt ein paar Textnachrichten an Siri. Die ist einkaufen, die Wohnung muss ein bisschen aufgehübscht werden. Bis heute Nachmittag tschüss tschüss.

Dienstag Nachmittag schlägt Paula in Siri ˋs. Wohnung auf. Bewaffnet mit Brot, Salz und einem Cent. Das typische Einzugsgeschenk. Das sollte immer im Haus sein, nach altem Brauch. Außerdem hat sie eine kleine Topfpflanze mit. Siri ist erstaunt, das kannte sie nicht. Schön, so als Einwohner begrüßt zu werden.  Die Wohnung hat zwei große Zimmer, eine hübsche, offene Küche, mit Essbar und ein ganz tolles Bad, mit Rainforest Dusche und Badewanne. Im Schlafzimmer steht ein großes Bett und ein Kleiderschrank, Nachttisch. Im Wohnzimmer steht eine große Couch zum ausklappen, ein Tisch, zwei Sessel, ein großer TV, ein Sideboard, ein Schreibtisch, auf dem ein nagelneuer Apple Computer steht . Auf dem Couchtisch steht eine Schale mit Obst, allerdings nur zur Deco. Die Früchte sind aus Steingut. Einige Magazine, schöner Wohnen und Home and Garden. So viel Luxus und das vermietet man an Fremde?. Paula hätte da Bedenken, dass Vandalen die schönen Möbel nicht zu schätzen wissen. Siri holt eine Flasche Cava und einen Sektkühler. „Der hat Dir gestern doch so gut geschmeckt. Was wollen wir zu essen bestellen? Du sagst was Du gerne hättest. Man kann alles bestellen worauf man Lust hat. Wie ist es mit Sushi?“. Paula schüttelt sich. „ nee, lieber was vom Italiener.“ Sie stöbern im Internet und entscheiden sich für eine Lasagne und Salat. Siri bestellt online. Die liefern in 45 Minuten, Lasagne braucht so lange, da sie angeblich frisch gemacht wird. 

Die beiden lümmeln sich auf Sessel und Couch. „ hast Du ein Namensschild unten an der Haustür? die müssen Dich doch finden, es sind noch andere Bewohner hier im Haus.“. „Keine Sorge, da war schon ein Schild mit Schmidt“ sagt Siri. Da es eine Airbnb Wohnung ist, hatte die Chefin einen unverfänglichen Namen gewählt. Was ein Zufall. Paula will nun wissen, wo Siri aufgewachsen ist. „ich bin in Potsdam geboren und da meine Eltern ständig auf Reisen waren bin ich von einer Nanny aufgezogen worden. Dann bin ich sehr früh in eine Art Internat gekommen und habe dort alles gelernt was ich brauche.“. „Wie, Du bist nur auf den Internat gewesen? Hast Du Geschwister?“ wollte Paula wissen. Siri schaut traurig, „ja, Ausbildung war immer das wichtigste. Geschwister hatten ich viele, alle im Internat waren meine Geschwister. Das war eben so. Hast Du Geschwister, wo bist Du aufgewachsen?“ Paula lacht, „klar hatte ich Geschwister, zwei Schwestern, ich war die jüngste. Diese beiden Feldwebel haben mich ständig unter Kontrolle gehabt. Ich bin in Erfurt aufgewachsen. Mein Vater war bei einer Behörde, Bauamt und meine Mutter Artzhelferin. Wir haben in der Innenstadt gewohnt, hatten aber eine Datsche, ein Häuschen auf dem Land, mit Garten und so. Da waren wir jede freie Minute. In der ehemaligen DDR war es wichtig, dass man sich auch mal halbwegs selbst versorgen kann. Das war bei meinen Eltern im Blut. Also waren die Wochenenden und Ferien meist mit Gärtlern, Gartenarbeit verplant. Im Winter sind wir dann auch manchmal in Urlaub gefahren. Oft zum Wintersport ins Erzgebirge. Einmal auch nach Kreta, dort habe ich meine Liebe zur alten Kultur gefunden. Das fasziniert mich noch heute. Von den alten Steinen komm ich nicht mehr los.“ „Oh, das ist auch hochinteressant, ich habe viel darüber gelesen. Nur live gesehen habe ich das noch nicht, ich bin nie verreist, war in meiner Ausbildung nicht vorgesehen.“ sagt Siri. Paula stutzt „aber Du sagtest, Deine Eltern sind viel gereist“.  „Ja, aber nur beruflich, Ferien gab es nie“.  Was für eine arme Kindheit, denkt Paula. „Dann warst Du auch noch nie in Meer schwimmen?“ Siri hebt abweisend die Hände, „ich habe eine Wasserallergie, ich darf noch nicht einmal in den Regen kommen“. Paula lacht laut auf, „so was habe ich noch nie gehört. Aber das erklärt, warum Deine Handtücher immer trocken waren, ich hatte mich schon gewundert. Denn man riecht es nicht, dass Du nie duschst.“. 

Es läutet an der Tür, die Lasagne ist da. Sie setzen sich an die Essbar. Siri öffnet eine Flasche Chianti und sie lassen es sich schmecken. Paula ist sehr hungrig. Sie erzählt von ihrer ersten Lasagne, an der sie sich ganz schlimm den Gaumen verbrannt hatte, weil der Käse so heiß war. Sie hatte dann jahrelang keine mehr gegessen, jetzt weiß sie, dass man erst etwas warten muss. Mit vollen Backen fragt sie, ob Siri einen Freund oder Partner hat. „ Nein dafür hatte ich nie Zeit, das Studium war sehr zeitraubend“. „Was hast Du denn studiert“ will Paula wissen. „Digital live, alles was damit zu tun hat. Künstliche Intelligenz, big data, nun so wie die Zukunft mal aussehen wird. Die Welt wird von Computern gesteuert. Wir sind heute schon ziemlich weit, aber eines Tages werden es 100% sein.“. „Ohgottohgott, das will ich nicht erleben, ich bin nicht so der Computerfan, aber ich bin dankbar für die Programme , die wir nutzen können um Dinge zu simulieren, die man so nicht mehr erleben kann, z.B haben wir die Möglichkeit antike Grabstätten digital nachzubauen und darin können wir herumlaufen.“. „Siehst Du, das ist der Fortschritt, man kann in der Welt herumlaufen, reisen, ohne aus dem Haus zu gehen. Ich war schon mit Haien schwimmen, ohne nass zu werden.“ Paula findet das lustig. „Da könnte ich auch Lasagne essen, ohne mir den Mund zu verbrennen.“. „ schau Paula, die Wissenschaft ist bereit dafür. Selbstfahrende Autos, Züge. Ein Kühlschrank, der Dir sagt was Du einkaufen musst. Ein Google Maps, der Dich überall hinbringen kann. Du musst nicht mal mehr schreiben können, Du sagst es Deinem Schreibprogramm und da ist es. Zur Kontrolle lässt Du es Dir nochmals vorlesen und korrigierst die Fehler. Sogar Operationen können von Computer, Robotern durchgeführt werden. Die Menschen sind nur noch nicht bereit das zuzulassen.“. „Und das alles hast Du studiert, Du bist nicht viel älter als ich.“.  Siri zuckt mit den Schultern „Ich habe nie etwas anderes gemacht, ich war von Anfang an darauf vorbereitet.“. Paula fragt „Dann kommst Du wohl aus einer Computerfamilie? Deine Eltern haben das von Anfang an gefördert. Meine Eltern wollten privat mit Computern nichts zu tun haben. Beide waren der Meinung, sie würden auf der Arbeit genug vor dem Kasten sitzen . Wenn meine Schwestern sich da nicht durchgesetzt hätten, wäre ich noch heute im Tal der Ahnungslosen. Zunächst hatten wir einen Familiencomputer. Ständig gab es Streit, wer jetzt dran war. Dann haben wir nach und nach jeder einen bekommen. War auch nötig, denn selbst die Schule hat das vorausgesetzt. In der Schule habe ich dann auch gelernt, wie man damit umgeht, wo man was findet. Meine Eltern waren ständig besorgt, dass wir auf verbotenen Seiten rumsurfen. Die hatten gar keine Ahnung, wo sie das kontrollieren könnten“ Paula lacht sich kaputt bei der Erinnerung. „ Aber jetzt arbeitest Du auch mit digitalen Seiten. Wenn ich Dir irgendwie helfen kann, lass es mich wissen. Ich beherrsche das.“ sagt Siri.

Nach dem Essen fallen beide auf die Couch. Paula ist pappsatt. Siri hat mal wieder fast nichts gegessen. „Am Freitag gehen wir wieder aus. Ich treffe mich mit Kommilitonen im Paulaner Biergarten, da kommst Du mit. Das ist immer lustig. Das Wetter verspricht einen lauen Abend und eine bayerische Gruppe spielt. Manche, die es haben, tauchen dann zünftig in Dirndl und Lederhosen auf. Ist wie Karneval, oder eher Halloween.“ Paula lacht sich fast kaputt, bei dem Gedanken. Siri fragt „ ist das im Freien? Ich mach alles mit, nur keinen Regen.“ Paula erzählt von einigen lustigen Geschichten, die es in diesem Biergarten schon gab, von asiatischen Studenten, die immer glauben, sie müssten die Maß auf EX trinken und die dann regelmäßig nach Hause gebracht werden müssen. 

Es ist spät geworden, Paula muss heim. „Studium ist kein Ponyhof.“ Siri versteht das nicht. Paula erklärt ihr diese Redewendung. Siri findet das lustig „ Ich glaube ich muss noch viel lernen über das Alltagsleben.“ Sie umarmen sich und Paula geht. Auf dem Heimweg denkt sie über die Unterhaltung nach. Viel hat Ihre neue Freundin nicht von sich preisgeben. Das muss bisher ein langweiliges Leben gewesen sein. Warum sie so Hals über Kopf weggegangen ist,  hat sie vergessen zu fragen. Nächstes mal muss Siri die Hosen runterlassen. Die Umarmung war auch recht hölzern. Die fühlt sich an wie ein hartes Muskelpaket, irgendwie stählern. Vielleicht macht sie täglich workout. Paula geht nur mit dem Hund, für mehr Sport kann sie sich nicht aufraffen. Das sollte sich mal ändern. Übergewicht hat sie nicht, aber ein bisschen mehr Bewegung kann nicht schaden.

Mittwoch und Donnerstag sehen die beiden sich nicht. Paula ist zu beschäftigt und hat auch abends noch Seminare. Die beiden chatten ein paar mal, mehr Zeit ist nicht. Freitag telefonieren sie kurz. Siri will Paula abholen und fragt nach der Kleiderordnung in Biergarten. „Das ist total locker, zieh war bequemes an und nicht zu chick, es kann immermal passieren, dass ein Bier umkippt und die Klamotten besudelt werden. Alles easy. Meine Freunde sind schon ganz gespannt Dich kennen zu lernen.“

 Freitag, 

spätnachmittags erscheint Siri mit einem Karton. „Ich hab Dir was mitgebracht. Sag bloß nicht nein dazu.“ Sie packt ein Tablett und eine VR Brille aus. „ ich habe Dir ein Programm aufgespielt, da kannst Du mit der Brille überall hinreisen, auch in die Antike. Es gibt da tolle Programme. Athen, Delphi, Knossos, sogar Troja. Es ist sehr gut gemacht, fehlt nur der Geruch. Aber ich bin nicht sicher ob man diese Gerüche wirklich haben o und in der Stadt geht es über meine Telefonnummer, da ist unbegrenzt Datenvollumen drauf. Also keine Widerrede.“. Sie schalten das Gerät ein und passen die Brille an. Unglaublich was man damit machen kann. Paula kann gar nicht aufhören. Sie vergisst vor Begeisterung sogar den Biergarten, bis ein Anruf kommt „wo bleibt Ihr denn, wir können die Plätze nicht mehr lange verteidigen.“. „Oh Gott ja, wir sind gleich da“.

Im Paulaner ist die Hölle los. Einige stehen schon auf den Bänken und grölen die Oktoberfestschlager mit. Siri ist irritiert. So etwas hat sie noch nicht gesehen. Die Kommilitonen von Paula fallen Paula um den Hals und küssen sie. Siri gibt brav und reserviert die Hand. Alle denken „was ne arrogante Tussi, sieht aus wie ne Barby. Was will Paula mit der denn hier.“ Tobias bestellt für alle eine Runde Bier. Als der Kellner mit den Gläsern kommt, zahlt Siri die Zeche. Och, so verkehrt ist die gar nicht. Die Stimmung ist ausgelassen und Siri kann alles mitsingen. Die Gruppe ist baff. „Hast Du das auf dem Internat gelernt?“. Nein, ganz ehrlich, im Internet“ lacht Siri. Ahh, im Internet, nicht im Internat. Das wollen, speziell die Jungs, alle mal wissen. „Wie ist das so im Internat, so ohne Jungs?“. „Ich war in einem gemischten Internat. Wir machen da nicht so die Unterschiede.“. Hört hört. So ein Mädel aus einem Internat hat für Jungs immer etwas schlüpfriges, warum auch immer. Sie bombardieren Siri mit Fragen. Manchmal sehr persönlich. Sie beantwortet alles nonchalant mit ihrem so typischen Lächeln. Aalglatt. Die sollte in die Politik gehen, viel reden, wenig aussagen. Es ist auch zu laut für Unterhaltungen. Die Musik dröhnt, alle grölen mit. Dann gibts Polonaise. Tobias, unser Don Juan, schnappt sich Siri, die hat zuerst Angst. Das ist wohl auch ihre erste Polonaise. Nach einer Weile tanzt sie ganz selbstverständlich mit allen anderen herum. Benjamin trinkt schon mal Sirì‘s Bier aus. „Die trinkt das sowieso nicht mehr, ist ja schon schal.“ sie klinken sich dann alle in die Polonaise ein. Bis auf Benjamin, der passt aufs Bier auf. Als Die Band eine Pause ankündigt, schreien alle nach Zugabe und einer geht dann noch. Sie kommen zu ihrem Tisch zurück, alle sind außer Atem und verschwitzt, alle außer Siri. Die hat ne Kondition wie ein Ironwoman. Lukas bestellt eine neue Runde und betont, er wolle die auch bezahlen, schließlich hatte er gestern Geburtstag. Die Gläser kommen und alle singen das obligatorische Happy Birthday. Siri legt noch einen drauf und singt „ wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten Dich sonst sehr vermisst,“. Die ist immer für eine Überraschung gut. Lukas ist begeistert und schnappt sie sich, umarmt sie und gibt ihr einen lauten Schmatzer. Siri erstarrt zur Salzsäule, fängt sich aber sofort wieder. War das ihr erster Kuss?

Ausgelassen geht der Abend weiter. Eine selbst ernannte Schuhplattler Gruppe gibt eine Vorstellung. Die klopfen sich auf die Oberschenkel, dass diese in null komma nichts knallrot sind. Aber die Menge feuert sie wieder an und die Jungs geben alles, bis zur Erschöpfung. Siri kann das nicht glauben, „das sind ja Stammestänze, wie bei Indigenen Völkern.“ Da hat sie irgendwie recht, wenn sie dann mal so einen Maibaumtanz oder Hexentanz zum ersten Mai sieht, hält sie die auch für Wilde. Schon traurig, wenn man so weltfremd aufwächst. Als die Band das letzte Lied ankündigt, sind die meisten noch nicht bereit dafür, obwohl einige schon mit dem Kopf auf dem Tisch liegen. Aber, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Wieder ein Satz, den ich Siri erklären muss. Die Band packt zusammen und wir überlegen, was man noch so anstellen könnte. Auf jeden Fall Currywurst und Pommes. Sie ziehen los zum nächsten Imbiss. Obligatorisch gibt es Currywurst, Pommes und Dosenbier. Siri macht nicht mit „ich bin so voll, da geht nichts mehr rein.“ Benjamin raunt mir zu, er habe den ganzen Abend ihr Bier getrunken, „die hat immer nur so getan, als ob sie trinkt. Mir war es recht. Die war auch nicht einmal auf dem Clo. Merkwürdig.“ Siri amüsiert sich trotzdem prächtig. Sie redet viel mit Mingh, dem Vietnamesen, der den schlimmsten Berliner Dialekt hat. Schon seine Eltern sind in Berlin geboren. Ob der auch vietnamesisch spricht wissen wir gar nicht. Mingh studiert Telekommunikation, Informatik und IT Wesen. Da haben sich zwei IT Spezies getroffen. Er ist tief beeindruckt von Siris vielfältigem Wissen. Die beiden wollen sich mal treffen und ohne Alkohol Erfahrungen und Wissen austauschen. Hört hört. Paula freut sich, dass ihre Freundin so gut den Anschluss an die Clique gefunden hat. Da sie jetzt zu Hause dieses neue Tablett hat und diese geile Brille. „Gehen wir noch in ein Späti?“ „ nee für heute ist genug“ Paula und Siri wollen nach Hause , Corinna und Dirk, das Pärchen wollen auch nach Hause. Benjamin, Lukas, Mingh und Tobias sind noch in Partylaune. Sie verabschieden sich und alle gehen ihrer Wege. Paula bittet Siri, am Samstag doch noch mal zu ihr zu kommen und ihr noch ein paar Tipps für das neue Spielzeug zu geben . „Klar mach ich gerne. Wann?“ „ Nicht so früh ich muss Ausschlafen und noch einkaufen. Ich ruf Dich an.“

Samstag. 

Sie treffen sich am Nachmittag. Paula hat Kuchen gekauft. Stundenlang zeigt Siri die verschiedenen Programme, die man aufrufen kann. Paula schwirrt der Kopf. Als es dämmert frag Siri, ob sie noch zu diesem Open Air Kino gehen wollen. Paula verneint. „Morgen muss ich doch arbeiten, bei Tante Lustig.“ „ ja sagt Siri, ich doch auch. Gut, Du hast recht. Feierabend für heute“. „ Wie, Du arbeitest jetzt auch dort, das ist ja super.“ Siri lächelt „ ich war diese Woche schon mal dort und habe mir alles eingeprägt, Preise, Arbeitsablauf und so weiter. Nur Kassieren darf ich noch nicht. Ich bin auch nur inoffiziell da, ich habe noch keine Steuernummer.“ „ Du überraschst mich täglich neu.“ Sie verabschieden sich und Siri geht.

Sonntag

 Bei Tante Lustig. Elf Uhr stehen beide auf der Matte. Siri bekommt keine Schürze, sie ist nicht angemeldet und soll nur einspringen, wenn’s brennt. Und es ist wieder viel Betrieb. Siri macht ihre Arbeit gut. Sie merkt sich jede Bestellung im Kopf und gibt es dann in den Computer auf Paulas Account ein. Das klappt super. Sie serviert elegant mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln. Da Paula für sie kassiert bestehen einige Gäste darauf, dass das Trinkgeld auch für Siri geht und geben noch was extra. Am späten Abend, als Kasse gemacht wird, hat sie über 100 € Trinkgeld. Die Chefin und Paula sind begeistert. Siri versteht es mit Leuten umzugehen. „ Du machst das, als hättest Du nie was anderes gemacht.“ sie verabschieden sich und jeder geht nach Hause. „ kann ich Dich anrufen, wenn ich Dich die Woche über brauche?“ fragt die Chefin noch, „klar, gerne.“ sagt Siri, „ich habe nichts wichtiges vor.“


Montag. 

Siri trifft sich nachmittags mit Mingh am Ufer der Spree, gegenüber der Museumsinsel. Mingh hat eine Picknichdecke mitgebracht und was zu trinken. Sie sitzen im Schneidersitz und reden sofort über ihr Lieblingsthema. Mingh fragt Siri aus. „Was hast Du alles studiert und wo.“ Sie weicht wie immer aus und redet beharrlich über ihr Thema, künstliche Intelligenz. Wie die Welt sich verändern muss um das ganze Spektrum zu nutzen. Wie man alles vernetzen muss. Gerade Deutschland muss das gewaltig nachrüsten. „Ha, Du kennst doch unsere lahme Administration. Für jeden Furz ein neues Gesetz, das durch 10 Instanzen geprügelt werden muss. Jeder ist ständig online, postet jede Currywurst, aber alle wollen digital nicht überwacht werden. Lächerlich. Es gibt sogar noch Behörden, die ein Fax anerkennen, eine email aber nicht. Oldschool, Betonköpfe. In vielen anderen Ländern geht alles über das Handy, Personalausweis, Führerschein, Sozialversicherungsnummer, Autopapiere. Selbst die jungen Leute hier haben Bedenken. „Was mach ich wenn mir einer das Handy klaut?“ Erstens hat man die Daten in der Cloud und zweitens sollte das Handy verschlüsselt sein. Das muss hier ein Gendefekt sein. Du hast den nicht“ er grinst sie an. „Im Geschäftsleben ist die KI schon gut angekommen. Supermärkte wissen ständig was verkauft ist, was im Lager ist und im besten Fall ist das Lager mit eingeschlossen und liefert oder bestellt unaufgefordert. In Bäckereiketten geht das soweit, dass die KI der Teigmaschine sagt was zu machen ist, die nudelt den Teig, formt das Brot und fährt es automatisch in den Ofen. Wenn die Backzeit um ist , spuckt der Ofen ein fertiges Brot aus, und so weiter. Dir muss ich das nicht erklären, das mit der Bäckersoftware ist übrigens ein Projekt aus meinem letzten Studiengang.“ Er strahlt als wäre dies sein eigenes Baby. Siri antwortet „ich kann Deinen Frust verstehen, aber die Menschen sind noch nicht so weit. Die haben vor allem Angst um den Arbeitsplatz und dass die KI‘s mal die Herrschaft übernehmen. 2001 Odyssee im Weltraum spukt in allen Köpfen rum. In unserem Institut arbeiten wir auch daran“. Mingh nickt, „Erzähl mir mehr von diesem Institut. Ist es hier in der Gegend ?“. Siri rollt die Augen   „Es ist in Potsdam, ein Zusammenschluss von mehreren internationalen Forschern. Hauptsächlich Norweger. Man hat das Ziel, den asiatischen KI zu überflügeln. Das schaffen die nie. Die Gesetze sind hier in Europa zu streng. Die Asiaten sind immer eine Nasenlänge voraus“.  Mingh grinst „ obwohl die Weißen doch die Langnasen sind“. Siri versteht es nicht sofort, aber Mingh erklärt es ihr. 

Die Sonne geht in einem herrlichen Farbenmeer unter. „ ist das nicht total romantisch“ sagt Mingh. Siri zuckt mit den Achseln. „ Du bist nicht sehr romantisch veranlagt. Du hast wenige Emotionen. Du wirkst sehr kühl, nicht abweisend, aber distanziert. Kommt das durch Deine strenge Erziehung?“ fragt Mingh und legt den Kopf schräg, um in ihre Augen zu schauen. Sie schaut schnell weg. Er lacht auf, „das meine ich, Du weichst jeder persönlichen Emotion aus. Trotzdem, ich rede gerne mit Dir, Du bist die erste Frau mit der ich auf Augenhöhe kommunizieren kann. Alle anderen habe ich bisher damit nur gelangweilt.“ Siri blickt auf, ihm direkt in die schwarzen Augen. „Mir geht es genau so. Die Männer, die ich bisher getroffen habe, haben mich als hübsche Frau gesehen, nicht als Wissenschaftler. Für mein Aussehen kann ich nichts. Das ist so gegeben, aber spätestens wenn ich rede, merkt man doch, dass ich keine doofe Barby bin. Mir macht das nichts aus, ich weiß, wer ich bin und was ich kann, aber Paula tut mir manchmal leid. Sie ist, glaube ich, eine gute Studentin und der Wissenschaft verschrieben. Sie hat leider nicht die finanziellen Möglichkeiten um ohne ihre Nebenjob zu existieren. Ich würde sie da gerne unterstützen, aber das würde ihr Stolz nicht zulassen. Wie ist das bei Dir, hast Du auch noch einen Job nebenher?“ Er schüttelt den Kopf, „meine Eltern haben hier um die Ecke ein gutgehendes vietnamesisches Restaurant. Ich muss nicht arbeiten. Manchmal helfe ich in der Küche aus. Das macht mir Spaß und lerne kochen, und genau dorthin gehen wir jetzt, ich hab Hunger.“

Sie packen zusammen und schlendern an der Spree entlang. Um ein paar Ecken und stehen vor einem großen, mehrstöckigen Restaurant. Die Aussenfassade ist mit Drachen und allem möglichen Schnickschnack zu einer Art Tempel dekoriert. Siri staunt „ das ist mal ein großes Restaurant, jetzt verstehe ich“. Sie treten ein und Mingh stellt sie seiner Mutter vor, die am Empfang steht und die Plätze zuweist. „ oh es ist heute wieder mal sehr voll, könnt ihr in den 2. Stock gehen, in die Séparées? Die Bestellungen könnt ihr ja online in die Küche schicken. Die bringen das dann hoch.“ Sie gibt Mingh ein Restaurant Handy. „ tja, wie gesagt, ihr Asiaten habt das schon besser im Griff, auch die Älteren“ staunt Siri. „ Meine Eltern haben direkt nach der Wende dieses alte Haus gekauft und nach und nach dieses Restaurant aufgebaut. Zuerst mit Strassenverkauf, dann klein, klein weiter gemacht. Die gesamte Familie hat hier gearbeitet. Oma war in der Küche, deshalb haben wir auch das authentischste Essen hier. Zu Anfang war es den Leuten zu scharf, da haben wir uns ein bisschen angepasst. Heute, nachdem viele mal in Asien waren, haben wir wieder die alten Gewürzmischungen rausgeholt.“

Sie steigen die Treppen hinauf, bis sie an die Séparées kommen. „Das hier hat nichts mit den Séparées in solchen Strippclubs zu tun. Das ist für Familiefeiern, Geburtstage und so. Die Räume sind Video überwacht, das sagen wir den Leuten auch. Hier wird nicht rumgeknutscht. Die Kameras helfen uns dabei, zu sehen, ob was gebraucht wird. Da müssen die Kellner nicht ständig die Tür aufmachen und stören. Man kann in die Kamera winken und jemanden kommt, oder direkt mit einer Flasche Wein winken. Das erleichtert uns die Arbeit und die Gäste akzeptieren das.“ Der Raum ist mit vielen, unechten, Blumenbouquets dekoriert und mit buntem asiatischen Nippes. Ein großer ovaler Tisch bietet Platz für mindestens 10 Personen. Eine Musikanlage ermöglicht es die gewünschte Musikuntermalung zu wählen, von asiatischem Plingpling über Klassik bis modere Musik. Sehr gut durchdacht. „Bei den technischen Finessen hast Du sicherlich die Finger drin gehabt. Das hast Du sehr gut gemacht.“ lobt Siri. Mingh platzt fast vor Stolz. „ die Anderen haben das so noch nie gesehen, die haben nur an der überladenen Deko rumgenörgelt. Aber das ist eben asiatisch. Beim Spanier meckern die auch nicht an den Stierköpfen und plumpen Keramikschalen rum.“. „ vielleicht sind sie ein bisschen neidisch, eine typische menschliche Charaktereigenschaft.“ Mingh lacht, „Du bringst es auf den Punkt, gedacht habe ich es auch, ich würde das nie aussprechen. Wir Asiaten sind nicht so direkt, eher höflich drumherum. Deine Meinung über die Menschen ist manchmal nicht sehr positiv. Schießt Du Dich da aus? Du bist kein Mensch?“. Siri erschrickt „ wie kommst Du darauf, ich bin kritisch, auch mit mir. Aber an mir ist wenig auszusetzen“  sie zwinkert. Mingh nimmt eine Speisekarte und reicht sie ihr. „ such Dir was aus“. Siri studiert dieses Menuebuch. „ so ein großes Angebot, ich bin nicht hungrig, bestell Du was Du denkst.“.  „ ich habe Dich beobachtet, Du isst wenig, eigentlich nichts. Gestern im Biergarten hast Du Deine halbe Brezel so nach und nach unter den Tisch gekrümelt. Dein Bier haben die anderen ausgetrunken. Bist Du magersüchtig?“. Siri zickt zusammen, „ warst Du früher bei der Stasi? Du registrierst alles.“ Mingh ist entsetzt,„ keiner aus meiner Familie war bei der Stasi,  Meine Großeltern, waren die armen Schweine, die wegen des Krieges deportiert wurden, in ein fremdes, kaltes Land. Aber besser als von den Amerikanern geschlachtet zu werden.“ Siri schaut betroffen „ sorry, war nicht so gemeint.“

Mingh bestellt eine Mischung aller Köstlichkeiten. „ mal gespannt, ob Du heute was isst“.  Nach einer Weile bringt ein Kellner ein großes Tablett mit verschiedenen Spezialitäten. Kimchi, Sommerrollen, Reis mit Fleisch und Gemüse, gegrillte Rippchen. Mingh schaufelt von allem etwas auf seinen Teller und fordert Siri auf auch zuzugreifen. Sie nimmt auch ein bisschen. Er isst mit großem Appetit, sie schieb die Speisen auf ihrem Teller hin und her. Er steht auf und sagt „ich muss mal kurz raus, bin gleich wieder da“.  Er verschwindet und Siri kippt ihr Essen schnell in ihre Tasche. Den Tee kippt sie in einen Pflanzentopf.  Als er zurück kommt grinst er „ hast Du die Kameras vergessen? Ich habe genau gesehen, was Du gemacht hast, erzähl mir nicht Du hättest gegessen.“ Siri fühlt sich ertappt „ ich wollte nicht unhöflich sein, aber mir geht es nicht gut, ich muss nach Hause. Ich hoffe Du bist nicht böse auf mich. Der Tag heute hat mir sehr gut gefallen.“  Er lacht, „ eines Tages wirst Du mir den Grund sagen, aber ich habe sowieso eine Vermutung. Den Tag heute habe ich auch genossen, ich würde Dich gerne wieder treffen.“ sie stehen sich etwas hölzern gegenüber, da ergreift Mingh die Initiative und küsst Siri auf die Wange. Sie weicht ihm nicht aus und lächelt. „ Ruf mich an, morgen nicht, da bin ich bei Tante Lustig, aber sonst, jederzeit gerne.“.  Er strahlt, „ ja, das mach ich, schon bald.“ Sie ist gerade die Tür raus da macht er ein Freudentänzchen und die Säge, was für eine Frau. Er kann sein Glück nicht fassen. 

Siri hastet zur U Bahn. Ich muss vorsichtiger sein. Wie lange halte ich meine wahre Identität noch geheim . Würde Mingh es verstehen und zu ihr halten. Paula war auch schon misstrauisch, aber die konnte man gut ablenken. Vielleicht kann Mingh ihr auch mit den Arbeitspapieren helfen, sie braucht eine Sozialversicherungsnummer, einen Impfpass, eine Krankenversicherung. Sie muss Mingh einweihen.

Dienstag 

Siri arbeitet ab 11 h bei Mutter Lustig. Es ist nicht so viel Betrieb wie Sonntags. Gegen 14 h tauchen zwei Personen auf, die Siri nicht geheuer sind. Sie sagt es der Chefin und versteckt sich hinter der Küche. Volltreffer, die sind vom Gewerbeaufsichtsamt. Arbeitspapiere werden geprüft, Kassenbücher und Einkaufsbelege. Ein Rundgang durch das Restaurant, Aufenthaltsraum für die Angestellten, Toiletten und Waschräume. Alles zur Zufriedenheit der Beamten. Einer fragt nach den Aushilfen vom Sonntag. Die Wirtin kann die Papiere und Abrechnungen vorlegen „ die ist nur Sonntags hier, oder in den Semesterferien“. „ ist das diese besonders hübsche?“ fragt der eine. „ Die Frauen, die hier arbeiten sind alle hübsch“ entgegnet die Wirtin und zwinkert. Die beiden Beamten zahlen ihr Wasser und verabschieden sich. Die Chefin kommt in die Küche und lässt sich auf einen Stuhl plumpsen „ Ich glaube, ich brauch jetzt ein Schnaps. Das war knapp. Woher hast Du das geahnt Siri?“. „Die waren irgendwie anders als die normalen Gäste, ich hatte sie schon vorher am Bootssteg gesehen, da haben die so komisch hier her geschaut.“ „ Sehr gut beobachtet, leider kann ich Dich jetzt nicht mehr hier beschäftigen, solange Du keine Papiere hast. Das ist Dir doch klar. Irgend ein Neider hat mich angeschwärzt.“. Siri schaut betroffen „ muss ich auch aus der Wohnung raus?“.  „Nee, iwo, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Du hast im Voraus gezahlt und bist offiziell ein Gast von mir. Personalausweis hast Du. Ich hoffe Du hast keine Vorstrafen oder sonst sowas.“. „ Nein, nein nein, ich werde auch nicht von der Polizei gesucht oder so. Ich möchte aber auch keinen Ärger machen. In einer Woche sollte ich die neuen Papiere haben, so mit allem nötigen.“ „ gut Siri, dann geh jetzt und melde Dich, wenn Du alles hast. Ich möchte Dich hier gerne im Service behalten und den Verräter find ich auch noch. Dann machen wir bei dem mal ne Razzia.“ 

Siri geht bedrückt nach Hause und schreibt Mingh eine Nachricht, dass sie für heute frei hat, ob er sie besuchen will. Keine Minute später kommt die Antwort „ bin in einer Stunde da, Bussi.“

Dann ruft sie Paula an und erzähl der die Geschichte. „Wenn jemand nach mir fragt, sagen wir, das war eine neue Aushilfe, die dann doch in ein anderes Restaurant gegangen ist. Die Chefin glaubt, es hat sie einer angeschwärzt. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, bis ich meine Papiere habe. Mingh kommt mich heute mal besuchen.“ Paula gluckst „oh lala, Nachtigall ik hör dir trapsen“. Siri versteht das wieder nicht „das ist frei übersetzt aus Romeo und Julia, es war die Nachtigall und nicht die Lerche, Shakespeare. Auf jeden Fall geht es da um ein verliebtes Pärchen. Das freut mich sehr, das Ihr Euch trefft. Du bist in Berlin angekommen.“. „Langsam, langsam“ sagt Siri „wir reden viel über KI und Minghs Studium.“  „jajaja“

Siri kauft noch ein paar Flaschen Bier und Chips und wartet auf ihn. Mingh erscheint mit einem breiten Grinsen und einem Blumenstrauß. Er inspiriert die Wohnung und ist beeindruckt von dem Computer. „ wow, der neueste apple, das ist ein tolles Gerät. So einen hätte ich auch gerne.“  Sie setzen sich auf die Sessel und Siri erzählt von dem unerwarteten Besuch der Behörde. „ na dann holst Du Dir eben neue Papiere, ist zeitaufwendig, aber nicht unmöglich. Es sei denn Du warst hier nie registriert.“ Er schaut sie durchdringend an. „ ist da was, was die Sache nicht möglich macht ?“ Siri faltet die Hände und redet.   „ Ich bin nicht geboren, ich wurde produziert. Ich bin ein Hybrid.“ Mingh grinst breit. „Ich habe es geahnt. Du bist anders und habe nicht zu hoffen gewagt, dass meine Vermutung wahr ist. Kläre mich auf, woher und was bist Du.“ Sie schaut ihn erleichtert an und erzählt nun ihre Geschichte. „ zuerst musst Du mir versprechen, dass das hier unter uns bleibt. Wenn ich entdeckt werde, ist meine Zeit um. Programmfehler und ich bin Schrott. 

Ich wurde im Institut für KI in Potsdam gefertigt. Dort werden alle möglichen KI entwickelt, vom Mähroboter bis zu selbstfahrenden Arbeitsmaschinen. Ich bin ein selbstlernendes Produkt. Ich habe die gesamte Wikipedia zur Unterstützung, außerdem gehirnähnliche Module, die u.a. Emotionen entwickeln. Außerdem kann ich mich selbst updaten und reparieren. So wie ihr zum Arzt geht, gehe ich in einen Laden, der die neueste Elektronik verkauft. Ich kann Bankautomaten so manipulieren, dass die mir Geld auswerfen. Ich habe meine vorläufigen Papiere in einem Internetcafe aus dem Rechner des Einwohnermeldeamts gehackt. Wenn man das kann, ist das so einfach. Zur Zeit versuche ich meine Identität auch für eine Sozialversicherungsnummer zu nutzen. Dann kommt die Krankenversicherung. Wenn ich das alles habe, bin ich frei. Jetzt habe ich einen eigenen Computer, muss aber vorsichtig sein, dass meine IP Adresse nirgends erscheint. Du siehst, meine Existenz ist auch nicht einfach.“ Mingh schrubbt sich mit den Händen über das Gesicht „ das ist zu viel für mich, Ich glaube ich träume. Kein Sterbenswort werde ich verraten, nur so habe ich Dich für mich alleine. Du bist für mich der sechser im Lotto. Was kann ich von Deinem Wissen profitieren. Ich möchte Dich umarmen.“ Siri lächelt, „ Du darfst mich gerne umarmen, das ist so menschlich, da fühle ich mich angekommen, auch wenn es mich selbst nicht emotional berührt. So weit bin ich noch nicht. Meine Aussenhaut ist nicht überall mit Sensoren behaftet, nur meine Hände“.  sie stehen auf und Mingh schließt sie in die Arme und schaukelt sie hin und her. „Erzähl mir mehr, wie bist Du geflüchtet, denn freiwillig haben die Dich nicht gehen gelassen.“ „ Doch, die haben mich freiwillig rausgelassen. Ich war bei einem Projekt eingesetzt, in Schloß Sanssouci in Potsdam, als Museumsführer. Das war mit dem Kultusministerium abgesprochen. Niemand sollte es wissen. Wir wurden für diesen Job speziell programmiert und auf die Leute losgelassen. Es lief gut. Die Besucher haben nichts gemerkt. Wir haben unser Programm abgespult und dazugelernt. Jeden Tag mehr gelernt und umgesetzt. Die ersten Tage waren wir zusammen mit echten Führern unterwegs und haben den Umgang mit echten Menschen studiert. Du gibst als Museumsführer nicht nur historisches Wissen ab. Die Leute fragen unmögliche Sachen, die man nur beantworten kann, wenn man emotional reagieren kann. So reines Fachwissen über das Schloss und den König ist einfach zu erlernen. Aber diese Leute wollten wissen, wo der König zur Toilette ging. Wie oft er gebadet hat, nur so uninteressantes Zeug, aber so sind echte Menschen. Natürlich auch viel über seine Mätressen, wo und wie er sie getroffen hat. Auf ein Quicky oder die ganze Nacht. Das waren die Herausforderungen, auf die uns keiner vorbereitet hatte. Ich habe immer gelächelt wenn ich nicht weiterwusste. Hab’s registriert, hinterfragt oder einen unserer Betreuer gefragt. So habe ich mein Wissen ständig erweitert. Es hat mir Spaß gemacht, mein Emotionsmodul hat ganze Arbeit geleistet. Nach einigen Monaten Aufbauarbeit haben wir den nächsten Schritt gemacht. Mit der Sightseeingtour im Bus durch Potsdam und dann Berlin. Zuerst wieder in Begleitung, später alleine. Nur der Busfahrer wusste Bescheid und sollte im Notfall unsere Zentrale anrufen. Wäre nicht nötig gewesen, denn mit GPS Tracker waren wir sowieso ständig überwacht.“. Mingh steht auf und holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank . „Das ist zu viel für mich, Ich glaube ich träume noch immer. Was für eine schräge Story und ich darf es niemandem erzählen. Die würden mir sowieso nicht glauben. Mein Prof würde seine rechte Hand dafür geben. Ich bin so ein Glückspilz.“ Er umarmt und küsst Siri. „ und wie bist Du da jetzt rausgekommen?“. Siri  lächelt. „ ich bin so froh, dass Du mich nicht für verrückt hältst.  Also eines Tages, nach der Tour mit dem Bus, fragt mich der Busfahrer, ob ich mit ihm noch etwas trinken gehe. Ich habe kurz eine Nachfrage an die Zentrale geschickt und gefragt, ob das ausnahmsweise mal geht, ich könne nur lernen. Die Zentrale gab mir eine Stunde, dann würden sie mich abholen. Wir wurden nach der Tour immer direkt abgeholt, am Kurfürstendamm. Ich ging also mit dem Busfahrer in eine Kneipe, wo noch andere Kollegen von ihm waren. Ich war sehr unsicher, ob das eine so gute Idee war. Die sprachen alle berliner Dialekt und ich musste höllisch aufpassen, dass ich alles verstand. Mein Busfahrer schien nicht zu wissen, dass ich eine KI war. Ich fühlte mich unwohl. Ich frage ihn, ob wir lieber nach draußen gehen könnten. „Ja, klar, wenn Du das möchtest, mein Kind.“ Auf dem Breitscheidplatz war ein Kiosk. Da holte er dann 2 Bier und Currywurst . Er war eigentlich aus Slovenien und arbeitete hier jetzt für ein Tourismusunternehmen. Er war sehr höflich und nett. Nach einer Weile gab er mir seinen Pullover, mir wäre wohl kalt in meinem kurzen Kleidchen. Mir war nicht kalt, aber ich nahm den Pulli an. Er erzählte vom Leben in Berlin und dass ich doch bestimmt einen Freund hätte, der auf mich wartet und so weiter. Als die Stunde um war, verabschiedete ich mich und wollte zum Abholpunkt laufen. Ich kam an einem Internetcafe vorbei. Das interessierte mich. So viel Zeit wird sein. Drinnen loggte ich mich ein, schaltete aber erst einmal meinen GPS Tracker aus. Warum, kann ich heute nicht mehr sagen. Dann blockierte ich meinen Zugang. So, jetzt konnten die mich nicht mehr lokalisieren oder abhören. Danach schlenderte ich durch das KDW. Das war alles hochinteressant. Im Treppenhaus sah ich eine Frau, die Geld aus einem Automaten holte. Ich prägte mir den Vorgang ein.  Ein bisschen Bargeld hatte ich, mein Trinkgeld. Danach lief ich durch die Stadt und bestaunte alles, was ich zwar schon virtuell kannte, aber in echt war das was anderes. Im nächsten Internetcafe machte ich wieder einen Stop und googelte Kreditkarte. So ein kleiner Chip ist das Geheimnis. Blankokarten gab es zu kaufen. Also brauchte ich nur einen Bankaccount. Ich hackte mich ins Institut ein und stahl ein paar Daten von den Außendienstlern. Die benutzten die Karten für Hotels, Mietwagen oder Restaurantrechnungen. Nun hatte ich Geld.“ Siri stand auf und öffnete eine Schreibtischschublade, sie war voll mit Blankokarten. Mingh folgte ihr mit offenem Mund. „ Du bist also doch kriminell. Die merken das doch irgendwann.“. „ Klar, aber bis dahin nutze ich diesen Weg. Die Abrechnungen werden, logisch, von KIs gemacht und wenn es plausibel ist, wird das durchgewunken. Erst bei einer Steuerprüfung kann das jemand merken. Bis dahin bin ich save.“ Mingh ist verstört „ da ist die Angst vor KIs also doch nicht unbegründet. Wieviel Geld hast Du schon abgebucht?“ Siri hebt die Schultern „ keine Ahnung, aber das Institut ist so reich und weltweit verzweigt. Ich benutze jede Karte nur einmal. Auch Karten aus dem europäischen Ausland.“ Sie lacht schelmisch. „ So mein lieber Freund, jetzt weißt Du alles über mich, ich vertraue Dir“.  

Nach einer langen Pause. „ das alles überfordert mich jetzt. Du stiehlst rotzfrech Geld von fremden Konten,  die so gestopft sind . Wie geht das ?“. Siri lacht laut auf „ das ist typisch für einen Wissenschaftler. Dich interessiert nur die Programmierung, nicht die kriminelle Tat. Unglaublich. Deshalb vertraue Dir das alles an. Wenn Du mich bei den blöden Papieren unterstützt, eröffne ich Dir Einblicke in die Funktionen einer KI, also nur meinem Typ, ich heiße übrigens KI23-FPS561. KI =Jahr 23, Female, Public Social und  die Produktionsnummer.“. „Siri gefällt mir besser“. Die beiden grinsen sich an. „OK, wir arbeiten ab jetzt zusammen. Ich muss jetzt gehen und das alles erst mal verdauen, Außerdem habe ich Hunger. Ich komme morgen nach der Uni wieder her und dann schmieden wir Pläne.“ Er umarmt sie, küsst sie und sagt „ Scheisse, ich küsse einen Computer.“ dann geht er mit rauchendem Kopf.

Mittwoch 

Siri schlendert alleine durch die Stadt und durchforstet einige Elektronigeschäfte. Das Zeug ist für sie eigentlich nicht zu gebrauchen, alles schon überholt. Egal, sie ergattert einen 3D Drucker, kann man immer brauchen. Sie surft in einem Internet Café und informiert sich über Krankenversicherung. Dann noch mal bei der BfA, wegen einer Sozialversicherungsnummer. Das wird nicht einfach. 

Gegen vier Uhr ruft Mingh an, er hätte jetzt Zeit und er bringt sich was zu essen mit. Prima, Siri verspricht noch ein paar Bier zu kaufen, oder lieber Wein. „ Du willst mich abfüllen und gefügig machen“ lacht er. „Wasser oder Limonade geht auch, ich sollte einen klaren Kopf behalten, wenn ich mich mit Kriminellen einlasse“

Eine Stunde später sitzen sie wieder in Siris Wohnung. „Was willst Du denn mit dem 3D Drucker? Handfeuerwaffen herstellen.“ Nein mein Lieber, vielleicht muss ich mal ein Ersatzteil für mich drucken, Ich bin auch nicht mehr die Jüngste.“ Mingh rollt die Augen. „Du wirst immer so bleiben wie Du jetzt bist, ich werde fett werden und graue Haare bekommen. Bist Du mit Deinen Versicherungen weiter gekommen?“ „Nein, leider nicht, das ist nicht so einfach. Zuerst brauche ich eine Geburtsurkunde. Ok, die könnte ich drucken. Mutter verstorben, Vater unbekannt.“ Mingh grinst, „ ich habe mich auch schlau gemacht. Viele Asylbewerber haben auch keine Papiere, meistens mit Absicht. Die stellen dann einen Asylantrag und erhalten die Krankenversicherung und so weiter. Aber das ist ein Papierkrieg den keiner haben muss. Auch in Berlin gibt es Kriminelle,“ er zwinkert. „Man könnte das auf dem Schwarzmarkt kaufen. Wir müssen uns nur eine andere Identität ausdenken. Ich hatte da an ein Vietnamesisches Waisenkind gedacht.“ Siri überlegt. „Ich kann mir auch eine Vietnamesische Identität drucken. Waisenhaus klingt gut. Wie wollen die das von hier aus prüfen.“  Sie geht zu Ihrem Computer und Zickzack hat sie ein Waisenhaus in Hanoi gefunden. „ wir könnten uns reinhacken und eine Person erfinden, die vor ca 10 Jahren verschwunden ist, weggelaufen. Sie hat vor einem Monat einen Ausweis gefunden und diesen für die Flucht nach Deutschland benutzt, weil sie glaubt ihr Vater lebe hier in Berlin. Sie hat nur einen Vornamen von ihm und ein schlechtes Foto von ihren Eltern.“  Mingh runzelt die Stirn. „Du machst mich fertig. Das Ding ist doch gar nicht ausgegoren, das muss wasserfest sein. Die Behörden nehmen doch Kontakt zueinander auf. Wenn die Dich befragen, musst Du Vietnamesisch sprechen, die haben Dolmetscher.“  Siri lässt einige Sekunden verstreichen und beschimpft ihn dann laut auf vietnamesisch. Er lacht sich fast kaputt „ das war gut, aber ich habe nur die Hälfte verstanden, mein vietnamesisch ist grottenschlecht. Aber mit der Vorstellung kann es klappen.“ Dann überlegt er, „welche Sprachen sprichst Du noch?“ „ alles was der Google Übersetzer hergibt. Ich muss nur umschalten.“  „Nee in echt, ich liebe KIs“. Mingh lässt sich rückwärts auf die Couch fallen.

Und so stricken die beiden eine Identität. Siri wird als Baby ausgesetzt. Eltern unbekannt. Sie lebt die ersten 10 Jahre in einem katholischen Waisenhaus in Hanoi , lernt auch Englisch und ein bisschen Deutsch, eine Schwester ist Deutsche . Im Alter von zehn läuft sie vor den so strengen Schwestern weg und landet bei einer Clique Strassenkindern. Diese Kinder betteln und machen Gelegenheitsarbeiten. Mit zwölf kommt sie bei einer Textilfabrik unter. Sie hat Arbeit, was zu essen und kann dort wohnen. Da sie recht gut englisch spricht und schreibt bekommt sie einen Job im Büro. Sie schreibt die Lieferscheine und Etiketten. Allerdings alles ohne Papiere, Schwarzarbeiterin. Kann niemand nachvollziehen. Nach ein paar Jahren schlüpft sie in einen der Transporter und kommt so nach Saigon. Dort arbeitet sie für einen Fremdenführer . Die Touristen erzählen viel von Europa, Deutschland. Das  Mädchen heißt , (Binh Quang , Binh heißt „friedlich“ und Quang  „reine Seele“, den Namen haben ihr die Schwestern gegeben.)  Sie erinnert sich, dass die Schwestern mal gesagt hatten, der Vater sei ein Deutscher und haben ihr ein Foto gegeben. Bei Deutschland macht es bei ihr klick. Da will sie hin und ihren Vater finden. Eines Tages findet sie einen amerikanischen Pass einer jungen Frau. Sie geht sofort zum Flughafen, kauft ein Ticket nach Frankfurt und weg ist sie. In Frankfurt nimmt sie einen Zug nach Berlin. In Berlin läuft sie planlos herum und landet in einem vietnamesischen Restaurant. Diese Leute sind hilfreich und helfen ihr nun. Siri hatte sich diese Geschichte im Handumdrehen ausgedacht. Mingh ist erschüttert „ wie kann man sich so eine Lügengeschichte in ein paar Minuten ausdenken. Da müssen wir meine Familie mit einbeziehen. Das wird heikel, meine Mutter wird Dir Löcher in den Bauch fragen, über Hanoi und Saigon, das kennt sie gut.“ Siri lächelt „ das kriege ich hin. In 10 Minuten kenne ich mich in Vietnam besser aus als Deine Mutter.“ Mingh schaut düster drein, „Ich glaube man sollte doch Angst vor KIs haben. Wie viele von Deinen Spezies laufen hier in der Stadt rum?“ „ och, nicht so viele, vielleicht 50. In vielen Ausfertigungen. Reiseführerinnen, Sexarbeiterinnen, Masseurinnen, Dolmetscher. Die männlichen als Müllarbeiter, Bahnfahrer, Gärtner, Kellner, alles was so geht und mit der Stadt abgesprochen ist. Ich kann mal im Arbeitsplanung nachschauen .“ - „ nee, nee, ich will es nicht so genau wissen, sonst mach ich mir bei der nächsten Bahnfahrt in die Hosen.“  „ lieber Mingh, glaubst Du wir können das so machen und deine Familie spielt mit?“.  Es ist mal wieder spät geworden und Mingh muss nach Hause. „ Ich muss darüber nachdenken und schlafen. Ich ruf Dich morgen an. Bis auf ein paar Details müsste es so gehen.“. Sie verabschieden sich und Mingh geht nach Hause, Siri schließt sich an den Strom an, Ihre Akkus sind bald leer. Gute Nacht.

Donnerstag 

Paula meldet sich schon früh „ ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, ich kümmere mich zu wenig um Dich. Was treibst Du so?“. Siri beruhigt sie, „ich habe zu tun, ich kümmere mich um meine Papiere, Mingh hilft mir dabei .“.  „Aha, der gute Mingh, der Kümmerer. So was, wir alle dachten eigentlich, dass er schwul ist und jetzt das, der Romeo.“ sie gluckst. „Wollen wir uns heute Abend treffen?“   „ bist Du sauer, wenn es heute nicht geht. Ich habe einen Termin bei einer Krankenversicherung“  lügt Siri. „ Ach, mach Dir keinen Kopf, ich bin so happy mit meiner, Deiner, VR Brille . Gestern war ich in Jordanien, alte Stadt Petra und heute will ich mal in die Marokkanischen Burgen. Das ist so geil, manchmal vergesse ich, dass ich nur virtuell dort bin. Ich lese die alten Inschriften und bestaune die Mosaiken. Ich kann Dir nicht genug danken. Ich muss mal wieder mehr an meine Arbeiten an der Uni ran, aber ich schweife ganz schnell ab und irgendwie hängt alles zusammen. So viele Parallelen, auch durch die vielen Kriege. Die Römer, die Etrusker, die Sarazenen, jeden hat irgendwas irgendwohin mitgebracht. Ich liebe es. Treffen wir uns morgen, es ist Freitag, juchuu. Ich melde mich, Bussi“. 

Am späten Nachmittag kommt Mingh. Er strahlt. „ meine Mutter lässt grüßen. Sie findet Dich umwerfend und kann nicht glauben, dass Du meine Freundin bist. Ich habe dazu nichts gesagt. Aber wir können das nutzen. Wenn Du dann noch Vietnamesisch mit ihr redest ist alles in Butter.“ Siri lacht „Deine Mutter ist mir auch sehr sympathisch, sie geht mit der Zeit und scheint sehr offen für alles neue. Außerdem hat sie einen tollen Sohn.“ Sie nehmen wieder auf den Sesseln Platz. Mingh faltet die Hände. „Ich verrate Dir jetzt auch mein Geheimnis. Ich bin schwul.“ Siri ist unbeeindruckt „ na und.“ Mingh stutzt „mehr hast Du dazu nicht zu sagen?“ „was soll ich als Neutrum dazu sagen, ich bin nur äußerlich eine Frau, nur die Verpackung. Weibliche Gefühle habe ich nicht. Das ist nicht der Plan. Meine weiblichen Bewegungen, Sprache, ist alles programmiert. Setze mir einen männlichen Chip ein und ich kann Rambo oder James Bond sein, oder Gandhi. Ich hatte schon befürchtet, Du willst mich als Freundin, ich habe Dir erklärt, dass das nicht geht. Keine Hardware für Sex,“ sie lacht sich kaputt. „ das muss sich für einen Menschen total schräg anhören, aber Du verstehst das. Oder?“ „ nun, wenn Du ein Aussehen wie Neil Patrick Harrys hättest, könnte ich schwach werden und würde mich sofort verlieben. Als Frau hast Du keine Chance.“ Sie lachen beide. „ Du lachst jetzt, das sind Emotionen, fühlst Du die auch?“ Siri überlegt „ich habe nicht diese Emotionen, wie Ihr Menschen, aber mein Emotionsmodul vermittelt mir, dass das  hier jetzt ist gut. Es ist echte Freude, die mir auch gut tut, wie eine gut gelungene Arbeit. Aber je öfter ich lache, um so besser ist dieser innere Erfolg. Verstehst Du?  Ich habe eine Erfolgsstatistik. Aufgabe: erledigt, schlecht, besser, gut, sehr gut. Daraus lerne ich. Umarmen von Freunden ist sehr gut, also das weitermachen. Leute nicht anschauen ist schlecht, hab ich gelernt.“ Sie schauen sich lange in die Augen und lachen dann wieder. „ das ist so schade, dass Du das nicht so fühlen kannst.“ sagt er „Ich dachte das sei echt, aber ganz klar, Du bist ein Computer, den ich manchmal küsse“ er grinst und holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank.

Siri geht zu ihren Schreibtisch und holt ein zerknittertes Schreiben. Eine Aufnahmeurkunde von einem katholischen Waisenhaus, St Angela, in Hanoi. Es sieht verdammt echt aus. „Dieses Waisenhaus wurde vor 2 Jahren geschlossen, sie zwinkert. „ Du bist so was von kriminell.“ sagt er. „ Glaubst Du mit dem Schreiben könnte ich bei der Ausländerbehörde was erreichen?“ Er überlegt „ wir sollten das jetzt ganz langsam angehen. Als erstes werde ich heute die Nacht hier verbringen. Ich schreibe Mum an und sage, dass ich heute Nacht nicht nach Hause komme. Die macht sich sonst Gedanken. Morgen gehen wir wieder alle zusammen aus. Da ist ein Open Air Konzert im Mauerpark. Das wird wieder spät. Meinen Freunden können wir dann auch schon mal das Pärchen verkaufen. Die haben alle vermutet, dass ich schwul bin. Ich wollte mich nicht outen, wegen meinen Eltern. Wenn es dann so spät ist, nehme ich Dich mit in meine Wohnung, die ist im gleichen Haus wie das Restaurant, unterm Dach. Meine Eltern wohnen nebenan. Also nimm Deine Kabel und so mit, dass Du Dich aufladen kannst. Meine Eltern werden hocherfreut sein, dass ich endlich eine Frau mit nach Hause bringe.“  „Das ist brillant.“ sagt Siri.“ Paula glaubt sowieso schon, dass bei uns was läuft.“ „ aha“ sagt er   „ Wenn sie sich dann alle in Dich verliebt haben, davon gehe ich aus, wer kann Dir widerstehen, dann erzählen wir meiner Mutter Deine Waisenhaus Story und sie wird alle Kontakte abrufen um Dich hier anzumelden.“ „ und dann wird irgendwann aus der Waisenhaus KI ein Berliner Bürger“ Siri klatscht in die Hände „ diese Geste habe ich auch gelernt.“ Mingh strahlt „wir müssen das mal alles aufschreiben, Du speicherst das einfach ab, ich habe ein menschliches Gehirn. Das hat einige Lücken, ich darf mich nicht verplappern.“ 

Er geht zum Computer. „ schalte mal bitte ein“ . Sie schaut das Gerät nur an und schon läuft es. „ über WLAN“ grinst sie. Dann erstellen sie einen präzisen Lebenslauf. Mingh braucht für Siris Empfinden ziemlich lange dafür, armes Menschlein. Während er schreibt bestellt sie was für ihn zu Essen, mexikanisch. 

Als das Essen kommt ist Mingh noch immer nicht fertig. „ Du brauchst einen neuen Prozessor.“ lacht sie. Er rollt die Augen. Während er isst, überfliegt sie in 20 Sekunden das Geschriebene, nicht am Computer, sondern in ihrer eigenen Festplatte. „ lies mal, was ich aufgeschrieben habe“.  „ hab ich schon, da sind ein paar Details, die Du ändern musst.“. „Du warst gar nicht am PC?“ sagt er.  „Brauch ich nicht, hab ich selbst auf meiner Platte“. Nachdem er gegessen hatte, ergänzten sie einige Dinge, bis es ihrer Meinung nach perfekt war. Mit der Sprache waren sie noch am überlegen. Die Freunde wussten, Siri spricht deutsch. Also hatte sie es schon in Vietnam gelernt, auch weil der Papa Deutscher sein soll. Sie sollte einen Akzent üben, kein Problem.  Mingh war jetzt müde. „Du kannst in meinem Bett schlafen, ich habe dort noch nie geschlafen. Ich lade mich hier immer auf. Da kann ich auch im Rechner des Instituts nachschauen, ob’s was neues für meinen Typ gibt. Alle KIs machen das nachts. Die tauschen die Daten aus, ich hole mir nur neue ab. Die haben zwar gemerkt, dass ich weg bin, aber ich klinke mich über eine andere Nummer ein. Bisher hat’s funktioniert.“ Er ist überrascht „ sei bloß vorsichtig und setze unsere Zukunft nicht aufs Spiel. Jetzt wo wir Licht am Horizont haben.“ „keine Sorge, ich bin eine schlaue Kriminelle.“ Er geht unter die Dusche und sie hat sogar eine Zahnbürste für ihn, die hatte Paula für Siri gekauft. Nur Toilettenpapier ist keins da. Eine KI braucht das nicht. Sie verspricht welches zu kaufen. Zwei sehr unterschiedliche Welten haben sich da gefunden.

Freitag 

Am nächsten Morgen hat sie für ihn Tee gekocht und ein paar Kekse bereitgestellt. „ oh, das ist lieb, aber Asiaten essen morgens Suppe.“. „ Du bist doch gar kein echter Vietnamese mehr, oder?“  „ Meine Mutter besteht darauf, Suppe ist besser, also fang ich frühmorgens keine Diskussion mehr an. Ich bin sowieso ein Morgenmuffel. Gewöhn Dich daran.“ sagt er müde. „ Ich muss erst duschen, dann wird es besser.“  „Das ist nicht einfach mit diesen menschlichen Gefühlsschwankungen umzugehen.“ stellt sie fest. Nach der Dusche isst er brav die Kekse, besser als nix. Dann schreibt er kurz der Mama, dass er jetzt zur Uni geht. Die will ihn ausfragen, er antwortet einfach mal nicht. „ Das wird morgen bei mir zu Hause ein hartes Stück Arbeit. Wir tun so als würden wir sehr lange schlafen. Dann hat Mutter nicht so viel Zeit zu fragen. Um 11 h macht das Restaurant auf. Gut so.“  „lange Schlafen kenn ich von Paula, die schläft auch am Samstag sehr lange, weil sie Freitags immer bis spät aus ist. Ich bin mit 3 Stunden Aufladen fertig. Normalerweise halten meine Akkus 36 Stunden und mehr. Ich habe die Zeit noch nie ausgereizt. Darf ich auch nicht. Wenn das System mal abgeschaltet ist, brauche ich einen Neustart. Ich muss noch einen besseren Computer haben, da könnte ich ein Backup parken. Bei dem kleinen Ding hier, reicht das nur für das nötigste, die Grundversion.“ Mingh macht große Augen. „Dein Rechner hat über 700 GB, wieviel brauchst Du?“. „ na sagen wir mal , das doppelte, dreifach wäre besser.“. Er überlegt „ und über eine Cloud?“. „Haha, Google würde sich wundern, ich habe auch darüber nachgedacht. Da braucht man einen Account. Ich existiere aber nicht und bei der Menge, das kann ich nicht machen. Aber Du bist bei der Uni, die haben doch sicher große Kapazitäten.“. Er schaut sie ungläubig an „ nee nee nee, nicht die Uni hacken, bitte nicht. Es gibt sicher einen besseren Weg. Wir werden etwas finden.“ Sie verabschieden sich und er geht.

Auf dem Weg zur Uni überdenkt er alles normal. Was habe ich da angefangen. Hoffentlich geht das gut. Ich habe die große Chance eine eigene KI zu haben und zu studieren. Wer hat das schon, aber Ciberkriminalität ist auch strafbar und er kann sich da nicht rausreden. Allein was er jetzt schon weiß reicht für den Knast. Er beruhigt sich selbst, wird schon gutgehen. Aber wie lange. Als erstes muss man einen PC mit extra viel Kapazität basteln. Das kriege ich hin. Dann könnte ich mir alle Datensätze von ihr mal genauer betrachten. Die Algorithmen verstehen. Das wird ein neues Studium, nebenher. Freizeit und Partyleben ade. Trotzdem freut er sich jetzt auf die Zukunft und schiebt alle Bedenken bei Seite.

Siri telefoniert mit Paula und sie verabreden sich für den Abend in einer Kneipe in der Nähe vom Mauerpark. Die ganze Clique kommt wieder mit. Erst mal was gescheites essen. Im Park ist es immer sehr voll. Außerdem nehmen sie alle noch Getränke und Chips mit. Wird ja wie ein Picknick mit Musik. Siri packt ihr Equipment für die Nacht ein. Wäre sie ein Mensch, wäre sie aufgeregt, ist sie aber nicht. 

Gegen 18 h treffen sie alle in der Kneipe ein. Sie hocken auf Holzbänken auf dem Bürgersteig. Die meisten bestellten Hamburger mit Pommes und Bier. Siri bestellt nur Bier, sie habe schon was gegessen. Als letzter kommt Mingh. Er setzt sich neben Siri, nimmt sie in den Arm und küsst sie lange auf den Mund. Alle brechen in ein Begeiserungsgeheul aus. Siri ist von dem Kuss irritiert, lässt es sich aber nicht anmerken. „ schau mal einer den kleinen Charmeur an. Schnappt der sich die beste Schnitte.“ sagt Lukas. Die Jungs schauen etwas neidisch, die Mädels pikiert. „ Wann ist das denn passiert?“ will Benjamin wissen.  Mingh und Siri schauen sich an und er sagt „ na über Nacht.“. Alle lachen darüber, also ist er doch nicht schwul. Sie fragen die beiden noch ein bisschen aus, bekommen von Siri aber wieder viele Worte, nur keine Antworten. „Die hat’s eben drauf“ denkt Paula . Sie freut sich ehrlich für ihre Freundin. Nur schade, dass sie vorläufig nicht zusammen bei Tante Lustig arbeiten. Wird wieder.

Das Open Air Konzert ist sehr laut. Heavy Metal. Der Park völlig überfüllt. Die Clique findet nur einen kleinen Platz für ihre Picknickdecke. Die meisten Leute tanzen sowieso herum und üben Headbanging aus. Sie kuscheln sich alle zusammen auf die Decke und das neue Traumpaar tut ganz verliebt. Mingh tut zwar sehr entspannt, ist aber innerlich aufgewühlt. Hoffentlich geht das gut. Er gönnt sich ziemlich viel Mojitos aus der Dose. Alkohol beruhigt. Die Mädels sind etwas genervt von den vielen Stechmücken und wollen weg vom Park. Also zieht die Karawane weiter. Von Kneipe zu Kneipe. Mingh ist nun sichtlich angetrunken. Siri flüstert ihm zu, er möge doch mal damit aufhören. Er antwortet „ da musst Du mich halt ins Bett bringen.“ und grinst. Die anderen amüsierten sich köstlich darüber. Zu fortgeschrittenen Stunde beschließen alle, dass es jetzt reicht. Sie verabschieden sich, nicht ohne ein paar anzügliche Bemerkungen bezüglich des jungen Paares und jeder geht seiner Wege. Siri und Mingh gehen sehr langsam. „ wie geht’s jetzt weiter?“ will sie wissen. „ Wir schleichen uns von hinten ins Haus. Ich hoffe jemand sieht uns trotzdem und erzählt es meiner Mutter , dann ist sie schon mal vorgewarnt und platzt nicht einfach in meine Wohnung. Morgen früh ist dann die Stunde der Wahrheit.“

Gesagt, getan. Sie nutzen den Hintereingang. In der Küche sind noch ein paar Leute mit aufräumen beschäftigt. Man sieht die beiden und Mingh legt den Finger vor den Mund. Der beste Weg, ein Gerücht zu streuen. Dann steigen sie die Treppen rauf und er schließt seine Tür auf. Sie betreten sein Reich. Zwei Zimmer und ein Bad. Im Schlafzimmer steht ein großes Bett und Schränke. Das Wohnzimmer gleicht einer Kommandozentrale. Mehrere Computer, Drucker, ein Bücherregal, mehrere Schreibtische im Karree gestellt, in der Mitte ein guter Schreibtischstuhl. An der Fensterwand eine Klappcouch, übersäht mit Zeitschriften. „Na hier fühle ich mich wohl.“ sagt Siri . Er macht zuerst mal die Musikanlage an. „ da müssen wir nicht flüstern.“ Er setzt sich in der Sessel, verschränkt die Arme und wartet. Siri schaut ihn an, „ was jetzt?“ Er grinst „ wir werden keinen Sex haben, aber ich will sehen, wie Du Deine Akkus lädst.“ Siri nimmt ihre Ladekabel aus ihrer Tasche. Er deutet auf die Couch, daneben sind Steckdosen. Sie zieht an ihren Haaren, Perücke. Auf dem blanken Schädel sind nun die Anschlüsse zu sehen. Sie verbindet die Stecker und lacht ihn an. „ Deshalb darf ich nicht in den Regen kommen. Die Perücke ist zwar wasserabweisend, könnte aber sein, dass das Material porös geworden ist. Mein Rechner kann auch von hier oben aus gewartet werden. Für die Gliedmaßen die Haut, die Oberfläche, an einigen Stellen aufrollen. An den Füßen, dem Oberkörper und unter den Achseln. Deshalb trage ich keine ärmellosen Sachen und nicht bauchfrei.“ Mingh staunt Bauklötze. „ ich hab mich schon gefragt wie Du ohne Kleidung aussehen wirst, aus rein technischem Interesse. Darf ich das mal anfassen?“ Siri wehrt ab, „ morgen, wenn Du wieder nüchtern bist. OK?“ Er zieht einen Schmollmund und geht in sein Schlafzimmer. „ wo willst Du heute schlafen?“ . „ na hier, darüber haben wir schon mal gesprochen, ich brauche kein Bett.“

Samstag 

Am nächsten Morgen pellt sich Mingh stark verkatert aus seinem Bett. Zu seiner Überraschung sitzt Siri auf seinem Platz von den Computern und betrachtet alles argwöhnisch. „ Moin moin mein Schatz. Ist sich sehr interessant, das Computer hier.“ Sie versucht sich in einer anderen Ausdrucksweise. Er stutzt. „Was soll das, wie bis Du da reingekommen? Und wie redest Du?“ Sie verzieht das Gesicht „ glaubst Du so ein Ding ist vor mir sicher. Auch wenn Deine Passwörter ausgefuchst sind, für mein Programm leider kein Problem. Deine Forschung ist für einen Laien schon ganz gut. Das neue Kartoffel-Ernte-Programm ist noch nicht ausgegoren. Nur über GPS geht das nicht. Da muss ein Erkenner eingeschaltet werden, der die einzelnen Pflanzen erkennt.“  „ oh man, ich bin noch nicht ganz wach und Du nörgelst schon an meiner Arbeit rum. Sind wir schon verheiratet?“ Da noch immer Musik läuft, hören sie erst nach einer Weile, dass es klopft. „ Hallo Mingh mein Schatz, ist alles ok bei Dir?“  Mutter!!! Jetzt wird es ernst. „ ja ja, alles gut.“. Er öffnet die Tür. Die Dame tritt ein. „ Ah, guten Morgen, Du hast Besuch.“. Sie tritt ein und schaut sich um. Auf der Couch hat niemand geschlafen. „ Ah, guten Morgen junge Frau, ich bin seine Mutter. Schön Sie kennen zu lernen. Ich habe mich schon gefragt, wo mein Sohn in der letzten Zeit so oft hingeht. Ich bin Hee-Jin und Sie?“ Siri antwortet auf vietnamesisch. „ Ich bin Bin-Quang, aber man nennt mich Siri. Sehr erfreut.“ Sie gibt nicht die Hand, sondern faltet die Hände und verbeugt sich. Minghs Mutter steht der Mund offen und sie antwortet, auch auf Vietnamesisch „ das ist mir aber eine große Freude. Woher kommen Sie?“ Siri schaut verschämt, „ das ist eine lange Geschichte. Ich bin in Hanoi geboren und über viele Umwege hier nach Deutschland gekommen.“ Die Mutter hält sich die Hand vor den Mund. „ Das glaub ich doch nicht, meine Eltern sind auch aus Hanoi und auf Umwegen hier her gekommen. Das müssen Sie mir genau erzählen. Kommt Ihr zum Frühstück zu uns rüber. Hier ist es nicht gemütlich.“ mit einer abfälligen Geste zeigt sie auf die Unordnung in Raum. 

Mingh geht unter die Dusche. Dann zieht er sich ordentlich an. „Lass uns in die Höhle der Löwen gehen.“. Die Mutter hat schon den Tisch gedeckt und auch der Vater ist anwesend. Diesem fallen fast die Augen aus dem Kopf, als er Siri sieht. Damit hatte er nicht gerechnet. So eine hübsche Frau. Siri begrüßt ihn auf Vietnamesisch und er schmilzt dahin. „ na sag die Mutter, hab ich zuviel versprochen. Da bringt er jahrelang kein Mädchen mit nach Hause und dann das.“ Sie setzen sich an den Tisch und Frau Pham verteilt die Suppe. „ Nun erzählen Sie mal, Sie kommen aus Hanoi, wenn ich das richtig verstanden habe.“ Siri erzählt nun Ihre Geschichte. Zwischendrin bittet Mingh darum, doch in Deutsch zu reden, dann könne er auch was verstehen. „ jaja, mein Sohn, der spricht sehr schlecht die Sprache seiner Vorfahren. Lieber alles in Englisch. Wenn Großmutter das anhören müsste.“ sagt der Vater. Kleiner Seitenhieb. „Ich muss jetzt ins Restaurant, schließlich bin ich der Chef und muss alles organisieren. Hee-Jin, Du kannst Dir etwas Zeit lassen, ich rufe, wenn Du gebraucht wirst. Liebe Siri, schön Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, ich hoffe wir sehen Sie öfter hier. Bringen Sie dem Bengel noch ein bisschen Vietnamesisch bei.“. Er zwinkert Ihr zu und geht. Frau Pham eilt ihm schnell nach, sie muss ihm noch was wichtiges sagen. Diese Zeit nutzen Siri und Mingh flott, um die Suppenschalen zu tauschen. Bis hierher ging’s gut. Als sie zurück ist will sie Siri noch mehr zu essen geben, aber Siri winkt dankend ab. „ es war köstlich, vielen Dank für die nette Aufnahme. Das Essen war wie zu Hause.“ Die Mutter ist Wachs in Siris Händen. „ Das nächste mal zeige ich Ihnen ein paar Familienfotos aus Hanoi, wir haben nicht viele von früher. Die Eltern mussten Hals über Kopf ausreisen. Ich war ein paar mal in Vietnam, aber da sind nicht mehr viele von unseren Verwandten. Dieser blöde Krieg hat uns in alle Winde verstreut.“. Siri faltet die Hände und verbeugt sich. „ Ich habe nur mein Aufnahmeurkunde vom Waisenhaus und ein Foto meiner Eltern. Das ist alles. Ich hoffe, ich kann hier in Deutschland bleiben. Ich habe nicht so schöne Erinnerungen an Vietnam. Vielleicht finde ich sogar meinen Vater hier.“ Frau Pham lächelt Siri an. Jeder dahergelaufene Depp bekommt hier eine Arbeitserlaubnis und Asyl, da werden die Sie bestimmt nicht zurückschicken. Mingh soll mal mit Ihnen zu unserem Anwalt gehen, der macht das schon.“ sie räumt den Tisch ab und Siri hilft dabei. Dann gehen alle ihrer Wege. „Auf Wiedersehen , bis bald, hoffe ich.“ ruft die Mutter noch von der Treppe her.

„Na die hast Du alle im Sack. Hätte mich auch gewundert, wenn’s anders gewesen wäre. Papa frisst Dir aus der Hand, eigentlich ist er sehr misstrauisch. Auch meine Freunde mag er nicht wirklich. Er versteht unser Leben nicht. Er kennt nur harte Arbeit, Tag und Nacht. Zum Glück sind alle meine Geschwister mit im Restaurant, das beruhigt ihn. Ich bin das schwarze Schaf. Wenn der jetzt noch wüsste, dass ich schwul bin. Ist nicht auszudenken.“ Sie gehen zurück im Minghs Wohnung. „ Das mit Eurem Anwalt ist eine gut Idee. Ist der auch Vietnamesischer Herkunft?“ „Nein , der ist echter Deutscher. Aber er hat an meiner Familie schon viel Geld verdient, der wird sich Mühe geben. Mama soll einen Termin für uns machen. Da müssen wir nicht selbst zum Ausländeramt. Der soll mal seine Verbindungen spielen lassen. Machen andere auch so.“ Siri ist nun richtig euphorisch. „ Wenn das alles so klappt, können wir uns vielleicht eine Wohnung mieten und Du bist hier raus, nicht immer so unter Beobachtung .“ Mingh schaut sie an, „Eine Wohnung? Eigentlich kein Problem, meine Eltern haben einige Häuser hier. Da wohnen zum Teil meine Geschwister. Du brauchst nur Strom, ich brauche Essen, saubere Wäsche, jemand der putzt. Willst Du das machen?“ Siri schaut entschuldigend. „Kochen  kann ich nicht. Putzen und Waschen kann nicht so schwer sein. Wieviele Geschwister hast Du eigentlich?“  „ Ich habe zwei Brüder und eine Schwester. Die Brüder sind schon verheiratet. Meine Schwester noch nicht, aber bald. Sie arbeiten zum Teil hier und manchmal in den beiden Filialen, das sind so kleine Läden mit Strassenverkauf und Lieferdienst.“

In Minghs Wohnung setzen sie sich wieder vor die Computer und Siri erklärt ihm, was er da noch ergänzen muss. Dann betrachten sie noch die anderen Projekte, die zum Teil schon abgeschlossen sind oder noch in der Entwicklung. Er ist wieder überrascht von ihrer schnellen Auffassungsgabe. Er hat den  Partner gefunden, den er sich immer erträumt hat. Später gehen sie in einen Großhandel, der Computer Equipment verkauft. Sie sondieren das Angebot und wollen dann alles zusammenstellen, was man für einen mega Computer braucht. Mingh wird das alles dann zusammenbauen und gemeinsam werden sie das Superhirne programmieren. Das wird ein Spaß. 

Am späten Nachmittag fahren sie noch zu Paula. Mingh muss die VR Brille testen. Er hat selbst eine, aber die ist schon über ein Jahr alt. Paula freut sich über den Besuch, zumal die beiden Kuchen mitgebracht haben. Die Brille findet Minghs uneingeschränkte Zustimmung „ Du hast nun die bessere Brille als die in der Uni. Das ist unglaublich, wie die Entwicklung in den vergangenen Monaten vorangeschritten ist. Auch die vielen, neuen Programme. Ich würde nur in anderen Richtungen suchen. Die Vergangenheit ist interessant, aber wir sollten mehr in die Zukunft schauen.“ Er macht dann einen Ausflug ins All. Mit einem Raumschiff durch das heimische Sonnensystem. Er ist so begeistert, dass er ständig in Jubelrufe ausbricht. Die Frauen amüsieren sich über seine kindliche Freude. Ruckzuck ist es schon wieder spät. Paula muss morgen arbeiten. Sie verabschieden sich und das verliebte Pärchen geht. So schön, dass diese beiden sich gefunden haben, die passen so gut zusammen. Paula ist ein bisschen wehmütig, nun, jeder Topf findet seinen Deckel. „Ich werde irgendwann auch einen haben“ denkt sie. Siri hatte ihr erzählt, dass sie bei Mingh geschlafen hatte und die Eltern kennen gelernt hatte. Die zwei legen ein ziemliches Tempo vor. Hoffentlich geht das gut.

Sonntag 

Am frühen Nachmittag kommt Mingh zu Siri. Er hat eine genaue Aufstellung gemacht, was das Superhirn braucht. Ein paar Sachen hat er im Internet billiger gefunden. Siri hat Bedenken, „ich kann mir das doch nicht schicken lassen, da muss ich eine Adresse angeben und und und. In einem Geschäft ist das für mich besser.“ Zu seiner Adresse will sie das auch nicht schicken lassen. Er hatte ihr das angeboten, aber sie will das nicht. „Du hängst schon tief genug in meinen Machenschaften. Wir können das nach und nach in den diversen Läden kaufen. Dann ist die Summe auch nicht so hoch.“ argumentiert sie. „Ich werde ein paar Karten herstellen und dann gehen wir los. Solche Dinge werden im Institut eigentlich en gros bestellt. Ich werde nach einem anderen Geldgeber suchen müssen. Aber keine Sorge, das bekomme ich hin.“ 

Am Abend gehen sie dann zu Tante Lustig und Mingh isst einen großen gegrillten Fisch. Paula ist etwas besorgt, weil ihr ist jetzt aufgefallen, sie hat Siri noch nie richtig essen gesehen. Es kommt ihr ungewöhnlich vor. Figur hin und Figur her, das ist kein Dauerzustand. Sie verabreden sich für den nächsten Tag in der Stadt auf einen Drink. Da will Paula mal genau nachfragen. Es ist schon dubios mit Siri. Sie isst nicht, trinkt nicht, sieht immer gleich aus. Die Haare wachsen nicht. Der schwarze Bob ist immer perfekt gestylt. Eigentlich wie eine Puppe. 

Mingh und Paula fahren später gemeinsam mit Bus und Bahn Richtung Innenstadt. Sie fragt ihn ein bisschen aus. Er weicht geschickt aus. Dann macht er eine Bemerkung, die Paula stutzig macht. Er sagt, „ich kann so viel von ihr lernen, sie hat ein so umfangreiches Wissen über KI. Wir ergänzen uns darin . Hoffentlich hat sie bald ihre Identität, dann wird es einfacher.“. „Hää, Identität? Sie braucht ihren Ausweis, Frau Siri Schmidt. Die vorläufigen Papiere hat sie doch schon!!??“. Er schaut Paula gequält an,

„Wenn das so einfach wäre. Was ich Dir jetzt sage, bleibt unter uns. Siri braucht eine neue Identität. Wo sie herkommt, kann sie nicht zurück und niemand sollte sie finden. Wir versuchen es über die Ausländerbehörde. Tausende kommen hierher, ohne Pass, ohne Ausweise und beantragen Asyl. Meine Eltern helfen uns dabei. Du wirst die erste sein der wir es erzählen, wenn’s geklappt hat, aber bitte, bitte zu niemandem ein Wort darüber. Wir kommen sonst in Teufels Küche.“ Paula schwört das Indianer Ehrenwort. Die Kinnlade ist ihr heruntergeklappt. Ist Siri doch aus so einem Mädchen-Händler-Ring getürmt. Die Russenmafia hinter ihr her. Sie behält ihre Gedanken für sich. Aber die gerunzelte Stirn zeigt Mingh, dass sie über das alles nachdenkt. Er nimmt sie in den Arm , „ mach Dir keine unnötigen Sorgen, Siri ist clever, die macht das schon.“ im inneren hat auch er Bedenken. Paula sagt, „ vielleicht sollte sie ihre außerliche Erscheinung etwas abändern, wenn sie gesucht wird, ist sie leicht zu finden. Du weißt schon, dass die hier illegal an den Überwachungskammeras eine Gesichtserkennung haben. Andere Frisur, andere Haarfarbe. So schlank wie sie ist kann sie als Junge durchgehen.“  Mingh lacht laut auf, „ich habe nie gewusst, dass Frauen ein so kriminelles Potential haben. Ich werde ihr Deinen Vorschlag unterbreiten. Aber bitte sag ihr nicht, dass ich Dich eingeweiht habe. Das mit der Typveränderung werde ich ihr als meine Idee verkaufen , bitte sei nicht böse darüber. Wenn alles vorbei ist feiern wir drei das richtig, dann erfährst Du alles genau.“ Mingh steigt in der Innenstadt aus, Paula muss noch ein paar Stationen weiter. Paula hängt ihren Gedanken nach, was eine irre Geschichte.

Montag 

In der Nacht gab es ein heftiges Gewitter. Der erste Regen seit über zwei Wochen. Siri muss sich heute ein Regencape und einen Schirm kaufen. Unbedingt. Aber zuerst muss sie ein paar Karten herstellen. Sie hackt einen Account einer Versicherung. Das ist äußerst kriminell, aber besser als beim Institut aufzufallen. Später fährt sie in die Innenstadt und bekommt einen Schock, als sie an der Gedächtniskirche einen dieser Touristenbusse sieht. Eine KI, genau ihr Zwilling fährt an ihr vorbei. Sie hatte angenommen, das Projekt wäre nach ihrer Flucht eingestellt worden. Die machen einfach weiter. Sie geht in ein Internet Café und recherchiert. Eine KI ist vor 16 Tagen nicht nach dem Dienst zurückgekehrt. Suche erfolglos. Der Busfahrer hat ausgesagt, sie wäre nach der Tour mit ihm was trinken gewesen. Dann hätte sie sich verabredet und weg war sie. Der Busfahrer war dann noch für über eine Stunde auf dem Breidscheitplatz gewesen und hatte mit Kollegen gesprochen und getrunken. Die Überwachungskammeras bestätigen das. Die Suche wurde eingestellt. Das System KI23-FPS561 wurde stillgelegt. „ Jetzt gibt es mich überhaupt nicht mehr.“ denkt Siri. Solange ich mich noch in das System des Instituts einhacken kann ist alles gut, aber was ist, wenn die die Zugangsdaten ändern und das machen die regelmäßig, wegen Spionage. Sie schreibt Mingh eine Nachricht, dass sie ihn unbedingt sehen muss. Ohne Paula. Und bitte bei ihr zu Hause, es soll regnen. Mingh sagt zu und Siri sagt Paula das Treffen für heute ab. „Wir telefonieren morgen.“

Als Mingh am späten Nachmittag kommt, erzählt sie ihm die Neuigkeiten. „ Das ist auf einer Seite ganz gut, Du wirst nicht von denen gesucht. Was ist dann mit Deinen Updates?“ Sie zwinkert „ Ich brauche die nicht mehr so dringend, ich bin doch perfekt. Oder? Mein System ist selbstlernend. Alles was ich neu erlerne, sehe, höre, wird automatisch gespeichert und an ähnliche Algorithmen angehängt. Nur mein Speicher macht mir Sorgen, aber dafür habe ich Dich. Möglicherweise musst Du mich mal operieren und ein bis zwei weitere Speicher einbauen. Ich muss nur noch mehr darauf achten, dass meine äußere Hülle unbeschädigt bleibt. Deshalb habe ich mir heute Regenschutz gekauft.“ Mingh klappt mal wieder die Kinnlade runter. Dass er so bald an das Innenleben einer Top KI Hand anlegen darf, muss. Die Zukunft wird immer spannender. Sie reden noch lange über ihre Zukunft und Mingh verabschiedet sich erst spät von ihr und fährt nach Hause.


Dienstag 

Schon früh am Morgen ruft Mingh an. „Wir haben morgen Nachmittag einen Termin beim Rechtsanwalt. Ich komme heute Abend zu Dir und sprechen alles ab, unsere Geschichte muss wasserdicht sein.“

Es regnet mal wieder und Siri bleibt im Haus. Mingh kommt am Abend und bringt sein Essen mit und ein paar Kleidungsstücke zum wechseln. „ Willst Du jetzt hier einziehen?“ fragt sie.  „ Vielleicht“ grinst er.   Dann machen sie einen genauen Plan. Wann Siri angekommen ist muss genau stimmen. Siri hackt den Passagierplan der Thai Airline und sie finden einen Namen einer amerikanischen Frau. Die hatte auch brav ihren Pass in Saigon als gestohlen gemeldet. Siri ist illegal eingereist. Dann die Geschichte mit Paula und den ersten Übernachtungen in Berlin. Sie rufen Paula an und weihen sie, soweit nötig, in den Plan ein. Dann traf Siri auf Mingh und der will seiner großen Liebe nun helfen. Mal gespannt, was der Anwalt noch alles wissen will und ob schon die illegale Einreise Probleme macht. Hoffen wir auf unser Glück.  Sie gehen spät schlafen und Mingh schläft ganz, ganz schlecht.

Mittwoch 

Der Vormittag vergeht zäh. Sie lenken sich mit einigen Ausflügen im Internet ab. Aber in Gedanken sind sie schon beim Anwalt.

Pünktlich um 15 Uhr sind sie in der Kanzlei. Der Anwalt ist nett und begrüßt sie ganz locker. „ Aha, da ist ja das junge Paar. Deine Mutter hat mir schon das meiste erzählt. Macht Euch keine Gedanken, das wird schon.“ Sie legen ihm das einzige was sie haben vor, die Aufnahmeurkunde des Waisenhauses. Dann erzählen sie die verabredete Geschichte. Der Anwalt runzelt die Stirn. „ Das mit der illegalen Einreise ist nicht gut. Da müssen wir uns etwas anderes ausdenken.“ Mingh und Siri schauen betröppelt drein. Der Anwalt winkt ab, „keine Sorge , ich rede mit ein paar Leuten, die mir einen Gefallen schuldig sind. Ich finde einen Weg. Das kann aber ein paar Euro mehr kosten. Ich melde mich bei Euch.“ 

Das junge Paar verlässt niedergeschlagen die Kanzlei. „ Wir hatten das so schön geplant. Mist.“

Mingh will nicht nach Hause und seiner Mutter davon erzählen. Er schreibt ihr nur eine Nachricht, dass sie beim Anwalt waren und der jetzt alles regeln soll. Sie gehen in den Irish Pub und Mingh isst Hamburger und trinkt viel Bier. Der Frust muss ertränkt werden. Für so eine irrationale Reaktion hat Siri kein Verständnis. Siri beruhigt ihn.  „ was glaubst Du wie viele Illegale der schon hier eingeschleust hat. Der will nur Geld. Das kann er haben, vor allem in bar. Ich bin nicht die erste, die er auf Umwegen hier eingliedert. Wart’s ab der meldet sich noch diese Woche und hat den Plan der Pläne.“ verschwommen schaut Mingh sie an. „ Ich hoffe Du hast recht.“

Donnerstag 

Mingh hat heute den letzten Tag Uni vor den Semesterferien. Er fährt früh zur Uni und ist an einer Vorlesung anwesend, aber in Gedanken wo ganz anders. Später sucht er seinen Professor auf und fragt, ob es möglich ist, während der Ferien trotzdem an seinem Projekt zu arbeiten. Der Professor verneint. „Da brauchen wir auch keine Ferien, wenn trotzdem jeder hier herumwurstelt. Es gibt nur Ausnahmen bei den Biologen, die müssen ihre Versuche überwachen. Sind ja zum Teil Lebewesen. Unsere Algorithmen entwickeln sich nicht selbstständig weiter, zum Glück.“. Mingh denkt sich seinen Teil, wenn der wüsste, was ein hybrider Algorithmus alles kann. Nur schade, dass er nun den Uni Rechner nicht nutzen kann. Egal er wird sich auf sein Projekt Superhirn konzentrieren und für Siri einen Superspeicher zusammenstellen. Am Nachmittag kommt er nach Hause und die Mutter fängt ihn ab. „Was war denn nun beim Anwalt? Kann der Siri helfen? Mingh erzählt ihr alles, was er für nötig hält. Sie sollte nicht zu viel wissen. Der Vater kommt dazu und sagt, „die ist sehr hübsch und nett, aber ich habe das Gefühl, die bringt nur Probleme mit sich.“. Seine Frau faucht ihn an, „nun sei Du mal still. Unsere Eltern sind hier auch mit nichts angekommen und haben den Grundstein für unsere Restaurants gelegt. Du bist hier geboren, was weiß Du schon vom Leben in Vietnam. Ich will nicht wissen, was das arme Mädchen schon so erlebt hat. Vielleicht hat man sie sogar zur Prostitution gezwungen, um hier her zu kommen. Für ein Waisenkind hat sie eine gute Ausbildung, spricht mehrere Sprachen. Das hat sie nicht in der Textilfabrik gelernt. Sie muss einen einflussreichen Mäzen gehabt haben. Das ist jetzt Vergangenheit. Ich mag sie, sie liebt meinen Sohn und ich helfe ihr wo ich kann. Wenn das mit den beiden nicht von langer Dauer ist, habe ich einem Menschen geholfen und das tut mir gut.“  „Wow denkt Mingh, Mutter ist wie eine Löwin, sie kämpft um meine Freundin.“ Er nimmt seine Mutter in den Arm und beide vergießen ein paar Tränen vor Rührung. Der Vater schüttelt den Kopf und geht. Frau Pham fragt, wann Siri mal wieder zu ihnen kommt, sie wolle sich gerne mit ihr unterhalten, über Vietnam und was Siri hier in Deutschland arbeiten will. Im Familienunternehmen ist bestimmt ein Platz für sie. Mingh wird es schwindelig, er schluckt und antwortet „ Eins nach dem anderen, vielleicht will sie ja studieren. Sie ist hochintelligent. Wir müssen abwarten, was der Anwalt ausrichten kann, dann sehen wir weiter.“ Die Mutter runzelt die Stirn „ vielleicht ist es das einfachste, wenn ihr heiratet.“ Ihr Sohn hebt die Hände hoch. „ langsam, langsam, das wäre der letzte Strohhalm nach dem wir greifen würden. Ich kenne sie dafür noch nicht lange genug. Wenn, dann würden wir erst einmal zusammenziehen und abwarten, ob es funktioniert.“ 

Mingh packt ein paar Sachen und verabschiedet sich von seinen Eltern. Er wolle ein paar Tage mit Siri zusammen verbringen, eventuell mal an die Ostsee fahren oder so. Er will nur weg hier und so wenig wie möglich Rede und Antwort stehen müssen. 

Siri war bei Paula und hat ihr soweit auch vom Gespräch mit dem Anwalt erzählt. Paula sieht das entspannt, „Diese Rechtsverdreher finden immer einen Weg, solange man sie bezahlt. Macht Euch keine Sorgen, das geht gut aus.  Vielleicht müsst ihr heiraten und dann ist alles gut. Das machen viele, nach 2 Jahren hast Du dann Bleiberecht, gegebenenfalls lasst Ihr Euch wieder scheiden.“ Siri ist entsetzt. „ Ich will Mingh nicht missbrauchen . Außerdem hängen seine Eltern auch schon mit drin, die wären sehr enttäuscht von mir, die sind so nett und hilfsbereit.“ 

Paula hat auch ab nächster Woche Semesterferien, Sie wird für ein paar Tage zu ihren Eltern fahren und sich von Mama verwöhnen lassen. „ Willst Du mit nach Erfurt, meine Eltern haben nichts dagegen, wenn ich jemanden mitbringe.“. Siri verneint. „Ich bleibe lieber hier, ich hätte keine Ruhe. Wenn alles in trockenen Tüchern ist, wollen Mingh und ich ein paar Tage zusammen Urlaub machen. Vielleicht an der Ostsee.“ Das ist zwar nicht ganz die Wahrheit, denn sie wollen in der Zeit den Supercomputer installieren, muss Paula nicht so genau wissen. Es ist unglaublich, was Menschen die Wahrheit gerne verdrehen. In Siris Algorithmus ist lügen eigentlich nicht vorgesehen, aber sie lernt täglich dazu. KIs halten sich normalerweise nur an Fakten, aber damit kann sie nicht überleben. Minghs Mutter hat sie für nächste Woche zu einem Familienessen eingeladen, da kommen dann auch die Geschwister. Davor graut ihr jetzt schon. Essen ist so ein soziales Ding für die Menschen. Alle sitzen am Tisch, reden, trinken, essen. Es ist ein geselliger Austausch von den Dingen, die die Menschen beschäftigen, Familientratsch, Politik, Beruf, Studium. Sie wird von Vietnam erzählen müssen. Da muss sie sich gut vorbereiten und alles mit Mingh absprechen. 

Am Nachmittag fährt sie in ihre Wohnung, Mingh kommt fast zeitgleich dort an. Er hat eine große Tasche dabei, mit Kleidung und persönlichen Dingen, außerdem hat er was zu essen gekauft. „ Aha, Du ziehst jetzt doch bei mir ein.“ lacht Siri. Er schaut sie erschrocken an, „ ist Dir das nicht recht?“ „ Doch, doch, das ist gut, da können wir alles besser besprechen und Du darfst auch mal wieder in mein Innenleben schauen. Schließlich bist Du künftig mein Programmierer. Du sollst alles wissen, für den Fall, dass ich einen Ausfall habe, dann bringst Du mich wieder zum laufen.“ große Augen schauen sie an, „ ist das Dein Ernst, glaubst Du ich kann das?“ „ Natürlich, alles nur Nullen und Einser. Du hast schon andere KIs programmiert. Sobald wir das Programm auf einem Rechner haben, wirst Du sagen, das ja einfach. Ich vertraue Dir.“. Er nimmt sie in die Arme. „ Du bist mein Glücksfall. Ich liebe Dich.“ Jedes Mädchen wäre jetzt in Tränen ausgebrochen oder hätte andere Emotionen gehabt. Siri sag „ gut, dann gehen wir es an. Wo kaufen wir was?“. Mingh macht den Vorschlag, einige Teile in Polen zu kaufen. Es wirkt merkwürdig, wenn man hier teures Computerzubehör in bar bezahlt. In Polen ist das anders, außerdem ist es billiger. Er will mit einem Kommilitonen dorthin fahren und einkaufen. Sein Kumpel will auch ein paar Sachen kaufen. Die Grenze von Polen nach Deutschland wird nicht mehr so streng genommen. Die suchen eher nach Zigaretten und Schnaps. Aber das wird schon gut gehen. Sie werden mit einem Flix Bus fahren, den nehmen die meisten Studenten . Da schaut keiner so genau hin. Leider kann Siri ohne Ausweis nicht mit.

Freitag 

Den gesamten Vormittag verbringen sie im Internet. Was kostet was. Sie kaufen bei eBay einen gebrauchten Computer mit viel Raum um noch weitere Teile einbauen zu können. Der wird an Mingh geschickt. Einen weiteren bestellen sie an Siris Adresse, bzw. eine Abholstation. Dazu noch einen Bildschirm. Das Innenleben will Mingh in Polen kaufen. Siri bezahlt mit den gehackten Visa Karten. Später gehen sie in die Innenstadt und Siri holt Bargeld, auch mit solchen Karten. „ was glaubst Du, wie lange das noch gut geht?“.  „ ich hoffe so lange, bis ich eine Arbeit habe und ehrlich Geld verdienen kann“ lacht sie. „ Wie gesagt, die Abrechnung gehen automatisch über das Institut. Alle 3 Monate wird nur abgerechnet. Alles automatisch, wenn da was auffällt, wird von einem biologischen Buchhalter der Vorgang überprüft. Bis die das gefunden haben, diese lahmen Menschen, ist wieder Zeit vergangen. Ich habe Karten aus USA, Norwegen, Estland, Indien und ein paar aus Deutschland. Das muss man erst mal zusammenstellen, hahaha. Mein großes Problem ist nur, die ändern auch die Zugangsdaten zum Institutsrechner, da muss ich dann sehen, wie ich in den Rechner komme. Ich hoffe es gelingt mir.“.  Mingh ist erschrocken „ das ist schlecht, wie kannst Du Dich updaten, wenn Du da nicht mehr reinkommst?“. „ Erstens bin ich schon fast perfekt und lade meinen Algorithmus selbst nach. Mein großes Manko ist meine Hardware. Meine Silikonhülle wird irgendwann brüchig, da hilft keine Bodylotion. Aber eines Tages schaffen wir auch das. Da vertraute ich ganz auf Deine Innovation. Wir können mit einer neuen Perücke anfangen. Alles zu seiner Zeit“.  Er schaut sie erschrocken an. „ Ich glaube, ich habe mir da was ganz großes an den Hals gehängt“ denkt er. 

Später treffen sie noch die Clique im Irish Pub. Corinna winkt Siri. „ Ich habe dich heute auf dem Breitscheidplatz gesehen und nach dir gerufen, aber Du hast nicht reagiert. Dann bist du in ein Auto gestiegen und weg warst du.“. Oh, peinlich denkt Siri, was mach ich jetzt? Mingh springt ein, „ die wollte nur schnell zu mir, da ist sie im Tunnel, kein rechts, kein links, nur der liebe Mingh .“  Alles lacht, „wer hätte das gedacht, unser Don Juan“ grinst Lukas. Alle wollen heute zum See, da ist Seefest. Bier, Bratwurst, Fischerstechen, eine schöne Sommernachtsparty, und nachts Nacktbaden im See. Oh nein, denkt Siri, bitte kein Wasser. Mingh hilft ihr aus dieser Patsche. „ Wir wollen morgen ganz früh mit dem Bus nach Polen, ich will Siri den Polenmarkt an der Grenze zeigen, das hat sie noch nie gesehen. Deshalb gehen wir lieber früh schlafen „.  „Jaja, ist klar, früh ins Bett“. Sie verabschieden sich und bekommen noch ein paar Ratschläge für die Nacht und den Ausflug am nächsten Tag auf den Weg.



Samstag 

Mingh macht sich früh schon auf den Weg um nach Polen zu fahren. Siri ist zu Hause und hackt sich in das Institut ein. Sie recherchiert über den Verbleib der verlorenen gegangenen KI. Keine besonderen Nachrichten dazu. Die ist einfach verschwunden, ohne Kommentar. Einfach weg. Aus dem System entfernt. Das kann doch nicht wahr sein. Schließlich ist so eine KI, mit all den Fähigkeiten ein teures Gut. Auch im Polizeibericht ist über eine verschwundene Frau nichts zu finden. Sie sucht auch nach dem Termin für die nächste Zugangsdaten Änderung. OK , Ende des Monats, also noch gut drei Wochen Zeit. Sie scannt ihre Hand und versucht eine neue zu drucken. Misserfolg, Mist, Da muss man die Innereien berücksichtigen, Kabel, Sensoren etc. Auch das Material muss erst mal analysiert werden, dann auf ein neues. Hoffentlich wird Mingh in Polen fündig. Hauptsache die Prozessoren machen nicht schlapp. 

Spät am Abend kommt er strahlend nach Hause. „ Ich hab fast alles bekommen. Dieser Schwarzmarkt ist eine Offenbarung. Mein Kumpel hat gestaunt was ich so alles gekauft habe. Ich habe ihm erzählt, ich baue eine KI für den Haushalt und brauche viel Speicher. Ich weiß nicht, ob er es geglaubt hat, ist auch egal. Er ist ein netter Kerl aus der Ukraine. Die haben verlernt zu genau nachzufragen. Ich habe das Essen und das Bier bezahlt, ich bin jetzt sein bester Freund. Er will mir helfen, wenn ich Hilfe brauche, ich habe gesagt, ich melde mich.“ „ Wir können niemanden einweihen, bitte nicht.“ wirft Siri ein. „Paula ist schon genug, sie weiß wenig und das ist gut so.“. „ Keine Angst, unsere kriminellen Machenschaften behalten wir für uns“. Siri zeigt ihm ihre Hand aus dem 3D Drucker, Er lacht sich fast kaputt. „ Nun Kreativität ist nicht Deine Stärke.“

Sonntag 

Mingh schläft lange aus. Es war ein anstrengender Tag und er hat Ferien. Zum Mittagessen gehen sie zu Tante Lustig. Paula freut sich. Sie erzählt vom Seefest, es war wohl eine lange feuchtfröhliche Nacht. „Schade, dass Ihr nicht dabei wart. Die Band hat geile Musik gemacht und später waren wir alle noch schwimmen. Es war saukalt, aber man ist nur einmal jung und unvernünftig. Gestern habe ich viel Tee trinken müssen, zum Aufwärmen und zum Verdünnen des Alkohol. Wie war es auf dem Polenmarkt?“. „oh, dieser Markt ist sehr interessant. Legales, illegales, neues, gebrauchtes und man muss handeln, sehr witzig“. Mingh hat ein großes Schnitzel gegessen, Siri wiedermal nichts. Als Paula nachfragt, warum sie wieder nichts isst, erklärt ihr Siri, ihr sei noch übel von der fetten, polnischen Wurst . „Wie kann man sowas mögen, bäää“. Paula sagt nichts dazu. 

Als die beiden später in Siris Wohnung sind, sagt Mingh, „ Paula wird langsam misstrauisch, können wir irgendwie irgendwas basteln, dass Du wenigstens kleine Portionen essen kannst? Auch für das Familienessen ?“.  „Soll ich mir Hamsterbacken machen, oder einen Kropf“ sagt Siri genervt. „Flüssiges mag vielleicht gehen, aber wie soll ich kauen? Und dann alle 10 Minuten rausgehen und die Backen leeren. Auch bei dem Familientreffen wird das ein riesen Problem“.  Beide grübeln darüber, kommen aber zu keiner Lösung.

 Montag 

Mingh hat nun Semesterferien. Er meldet sich kurz bei seiner Mutter und erklärt ihr, dass er vorerst bei Siri bleibt. Wenn man ihn im Restaurant braucht, sollen sie sich melden. Die Mutter ist hocherfreut. Der Junge wird erwachsen, er bietet seine Hilfe im Familienbetrieb an, das gab es noch nie. So eine Frau weckt in jedem Mann eine neue Seite, Verantwortung, Familiensinn. Früher hat er sich in den Ferien mal flott aus dem Staub gemacht. Urlaub mit Freunden, oder „Bildungsurlaub“,  haha, niemand hat daran geglaubt.

Siri und Mingh machen sich an die Arbeit um den neuen Supercomputer zusammen zu stellen. Die Arbeit geht ihnen gut von der Hand, schließlich sind sie beide Spezialisten.  Mit der Hardware sind sie bis Mitte der Woche fast fertig, dann beginnt Siri mit dem Programmieren. Bis zum Wochenende ist zumindest das Programm für den Backup fertig. Nun müssen noch Ordner für all die neuen Inputs geschaffen werden, schließlich lernt Siri täglich neues dazu. Während sie programmiert, kümmert Mingh sich um die Reproduktion von Siris Aussenhülle. Es will nicht so klappen, das Material ist nicht gut. Was tun, was tun? Siris Hände weisen schon richtige Gebrauchsspuren auf, Abnutzung, kleine Risse. Es muss was geschehen. Paula fragt ab und zu aus Erfurt aus an, was so los ist. Die anderen, die nicht weggefahren sind fragen auch, ob man sich mal im Biergarten trifft, aber Siri und Mingh lassen sich entschuldigen. Die anderen feixen. Sollen sie doch, die haben keine Ahnung, was wirklich so läuft. 

Nach gut einer Woche ist der Superrechner fertig. Siri macht ihren ersten Backup. Alles hat gut geklappt. Nun sind die beiden einen Schritt weiter. Nun wollen sie sich um die Aussenhülle kümmern.


Dienstag 

Der Notar meldet sich und hat gute Nachrichten. Siri ist angeblich legal über Frankreich und dann nach Deutschland gekommen. Ohne irgendwelche kriminellen Machenschaften. Da sie offiziell bei Minghs Familie lebt, hat sie schon mal ein begrenztes Bleiberecht. Über die vietnamesische Botschaft soll sie sogar Papiere bekommen. Siri und Mingh sind überglücklich und erzählen es sofort den Eltern. Die wissen das schon, denn sie haben den Notar bezahlt. Zunächst wollen Siri und Mingh das nicht annehmen und den Eltern das Geld zurück geben. „Das war ziemlich teuer, Ich glaube nicht, dass Siri das so bald bezahlen kann.“ sagt der Vater. „Siri könnte in Zukunft, sobald es ihr erlaubt ist, in unserem Restaurant mitarbeiten. Mit ihrem Charme und Sprachkenntnissen könnte sie uns sehr helfen.“ Mingh bekommt direkt einen Knoten in die Magengegend. Na super, jetzt sind wir denen ausgeliefert. Egal nun hat diese Illegalität endlich ein Ende. Wir sollten das feiern .  Paula können wir das leider so nicht sagen, sie glaubt Siri ist Deutsche aus Potsdam und heißt Schmidt. Nicht Binh Quang .Echt verzwickt.

Sie überlegen hin und her. Sie werden Paula die neue Identität mitteilen. Sie und Tante Lustig sind die einzigen, die das mit Frau „Schmidt“ wissen, die auch wissen, dass Siri irgendwie auf der Flucht vor irgendwem war. Zuhälter, Russenmafia, das bleibt ein Geheimnis. Vielleicht war sie aus Vietnam hierher gebracht worden, als Sexarbeiterin. Jetzt ist sie geflohen und hat von der vietnamesischen Botschaft neue Papiere erhalten. Asyl kann sie nicht beantragen, Vietnam ist kein Staat, aus dem man fliehen muss. Also muss sie eine Aufenthaltserlaubnis und Arbeitserlaubnis beantragen. „Sobald Du die Arbeitserlaubnis hast, wirst Du in den Fängen meiner Familie stecken“ lacht Mingh. „Ja, das habe ich befürchtet. Die Arbeit stört mich nicht, aber den ganzen Tag unter Aufsicht Deiner Mutter, das wird hart. Ich bin Dir und Paula und Deiner Familie sehr, sehr dankbar, aber dieses Leben wird jetzt richtig anstrengend“. Mingh nimmt sie in die Arme und tröstet sie. „Ich stehe hier und tröste einen Computer, eigentlich müsste mich jemand trösten, ICH habe die echten Emotionen, keine angelernten.“. Siri streichelt ihm den Rücken und wiegt ihn hin und her, so lange bis beide lachen. „Das hat sich richtig echt angefühlt, bis auf Deinen harten Körper. Wir sollten uns jetzt um Dein Äußeres kümmern“. 

Tagelang surften sie in Netz. Gingen sogar in einen Sexshop, um dort das Material zu begutachten. Diese Puppen waren am nächsten dran, am menschlichen Körper. Sie kauften die Puppe, die ihnen am besten gefiel. In Siris Wohnung zerlegen sie dann dieses arme Ding, um Materialproben zu nehmen. Eigentlich brauchten sie nur eine Art Ganzkörperüberzug. Mingh erinnerte sich, dass in Filmproduktionen, Theater, sogar Karneval diese Masken zum Einsatz kommen. „Wir müssen so eine Maskenfabrik ausfindig machen und dann die Leute ausfragen“ sagt Mingh.

Die nächsten Tage suchen sie alle möglichen Ämter auf. Die vietnamesische Botschaft, die Ausländerbehörde, das Amt für Arbeit. Alles sehr nervig, aber sie kommen gut voran. Nach gut einer Woche haben sie alles, bis auf die Arbeitserlaubnis, sogar eine Krankenversicherung. Mingh lacht sich halbtot, „geh doch mal zum Arzt, der wird staunen“. Natürlich möchte die Familie das jetzt mit einem großen Familienessen feiern, zumal Siri nun einen Job im Restaurant bekommen soll. 

Der Montag 

Da das Restaurant keinen Ruhetag hat, ist die Terminplanung schwierig. Einer muss immer nach dem Rechten sehen. Ein Montag wird bestimmt, da ist am wenigsten los. Siri und Mingh sind sehr nervös. Sie einigen sich darauf, dass Siri eine Gastritis hat, von dem ganzen Stress und nur Tee trinken kann. Das muss klappen. An besagtem Montag treffen sich alle am frühen Abend und beziehen eines der Séparées. Die Mutter hat eine erlesene Speisefolge ausgesucht und ist entsetzt, dass Siri nichts essen kann, aber sie hat Verständnis. Es wird ein netter Abend und Mingh entspannt sich nach und nach. Seine Geschwister nehmen ihn ständig hoch, zu Siri sind sie dafür zuckersüß. Minghs Schwester freut sich darüber, dass nun noch eine junge modere Frau zur Familie gehört. Mingh rollt die Augen „hallo, wir sind noch nicht verheiratet. Vielleicht haben wir eigene Pläne, vielleicht gehe ich ins Ausland um mein Studium auszuweiten. Hier in Deutschland bekomme ich ständig Probleme mit diesen Betonköpfen, die sich der digitalen Zukunft verschließen.“. Das war ein bisschen viel für die Mutter, die wohl in Gedanken schon Babysocken gestrickt hat. Endlich wäre das Nesthäkchen unter der Haube. Nur gut, dass der Vater zu diesem Zeitpunkt nicht im Raum war. Mingh vergisst manchmal, dass er finanziell abhängig ist von seinen Eltern und jetzt nach Siris Aktion mit den Papieren, sollte er den Ball mal flach halten. Siri glättet die Wogen, sie sei sehr glücklich, jetzt eine Familie zu haben, die sie unterstützt und wo sie sich gut aufgehoben fühlt. Sie würde Mingh hier unterstützen die neuen Technologien in Deutschland populär zu machen. Weglaufen ist keine Lösung. Minghs Mutter ist ein wenig beruhigt. Das Mädchen wird ihren Buben schon zur Vernunft bringen. Siri ist den ganzen Abend mehrfach zur Toilette gelaufen und hat sich den Bauch gehalten. Sie bittet nun um Entschuldigung, aber es gehe ihr nicht so gut. Sie muss ins Bett, am besten mit einer Wärmflasche. Die Mutter bestellt ein Taxi und Mingh soll unbedingt mitgehen, für den Fall, dass es Siri in der Nacht schlecht gehe. Sie bezahlt das Taxi im Voraus. 

In Siris Wohnung angekommen, braucht Mingh eigentlich einen Schnaps, leider keiner da. „Danke, dass Du mich da rausgeholt hast. Ich kann diesem kleinbürgerlichen Leben nichts abgewinnen. Immer dieses Familiengetue. Jeder belügt jeden. Meine Brüder würden auch gerne einiges anders machen, aber nein, Papa ist das Familienoberhaupt und der sagt was gemacht wird. Vieles ist veraltert. Papa sollte mal in anderen Restaurants schauen, was es da so Neues gibt. Die Asiaten, die zu uns kommen, sagen immer, dass es so schön altmodisch bei uns ist. Ein tolles Kompliment. Ich bin froh, dass ich nicht mit im Restaurant bin. Ich würde wirklich gerne mein Studium an einer anderen Uni weitermachen, wenn ich meinen Ingenieur habe. Noch 2 Semester, dann sehen wir weiter“.

Paula meldet sich aus Erfurt zurück. „Es war schön mal wieder von Mama verwöhnt zu werden, aber jetzt ist genug. Eltern behandeln einen selbst nach fast 30 Jahren noch wie ein Kleinkind“. Sie verabreden sich für den nächsten Abend. Mingh überleg, ob sie Paula jetzt doch endlich einweihen wollen. Siri ist dagegen. „Wenn Paula alles weiß, macht auch sie sich strafbar, als Mitwisserin. Sie ist eine so ehrliche Freundin, ich möchte sie nicht unsere kriminellen Machenschaften reinziehen.“ Mingh runzelt die Stirn „Du hast natürlich recht. Wir sollten uns jetzt erst mal um eine neue Hülle für Dich kümmern.“

Dienstag 

Am nächsten Tag treffen sie sich mit Paula in der schicken Beachbar gegenüber dem Bahnhof. Es ist noch später Nachmittag und nicht so viel los. Sie lümmeln sich in die Liegestühle und Paula erzählt von zu Hause. „ Es ist so anders als hier. Erfurt ist zwar keine Kleinstadt, aber noch immer sehr Kleinbürgerlich. Vor allem diese angeborene Skepsis gegenüber anderem, Ausländer sind alle Schmarotzer und nehmen uns alles. Geld, Kultur, Wohnraum und sind kriminell, durch die Bank weg. Die können nicht über den Tellerrand rausschauen. Alles soll so bleiben, wie es war. Unsere Regierung ist ein Haufen unfähiger Kasper, die nur ständig reisen und unsere Steuergelder verprassen. Ich musste ständig schlucken. Die EU ist Scheisse, aber Tomaten, das ganze Jahr über und Erdbeeren, das ist ok. Die paar Schulkameraden von früher, die noch da sind, haben sich mit dieser braunen Gesinnung arrangiert. Die, die eigenständige denken konnten, sind weg, im Westen und sogar komplett im Ausland. Ich bin froh, dass ich da raus bin. Hier in Berlin denken die meisten doch eher global und nicht nur bis zum eigenen Gartenzaun. Ich habe mich so auf Euch und unsere Clique gefreut, freies Denken, vorurteilsfrei.“ Sie hebt ihr Glas, „auf das freie Leben in Berlin, die Gedanken sind frei“. Alle heben die Gläser. „ Was ist denn mit Deinen Papieren? Wann kannst Du wieder bei Mutter Lustig anfangen?“ Mingh reagiert schnell. „ Es sind noch ein paar Probleme zu lösen, aber Siri wird dann auch bei meinen Eltern im Restaurant helfen. Meine Mutter ist ganz happy mit Siri, weil sie so höflich und gut erzogen ist. Sie soll vielleicht am Empfang mitarbeiten. Sie ist jung und macht schon mal einen guten Eindruck, meine Mutter ist auch noch keine alte Schrulle, aber mit Siri kein Vergleich.“ Siri wirft schnell ein „ ich kann auch bei Tante Lustig arbeiten, schließlich habe ich ihr diese Wohnung zu verdanken, das müssen Deine Eltern verstehen.“. „Wir werden sehen wie es weitergeht, sobald Du Deine Arbeitserlaubnis hast“ brummt Mingh. 


Mittwoch 

Am  nächsten Tag treffen sie sich mit einem Teil der Clique, die die noch in der Stadt sind. Es wird wieder ein lustiger entspannter Abend. Freunde sind so wichtig, vor allem, wenn man Probleme hat, auch wenn man sie nicht besprechen kann. Mingh vergiss mal für ein paar Stunden, dass viele Probleme noch nicht gelöst sind. Siri hat ständig die Hände unter dem Tisch, aber niemand bemerkt es. 

Spät in der Nacht bringt Siri ihren Liebsten nach Hause. Er ist ziemlich angetrunken.

Donnerstag 

Am nächsten Morgen zeigt Siri ihm ihre Hände. Auf dem Handrücken der rechten Hand sind kleine Risse. Jetzt wird es Zeit, sich schnellstmöglich um die Aussenhaut zu kümmern. Siri logt sich in den Rechner des Instituts ein und sucht nach Lösungen.

Am Mittag beschließen sie, mal mit so einem Touristenbus zu fahren und zu checken, ob die anderen KIs auch solche Risse haben, schließlich sind sie im selben Alter wie Siri. Mingh besorgt ein muslimisches Outfit, eine Totalverschleierung für Siri. Nur die Augen sind frei, so können sie es wagen. Am Breitscheidplatz kaufen sie Tickets und steigen in einen Bus. Mingh ist aufgeregt und dann total begeistert. Da steht eine Siri, wie ein eineiiger Zwilling und parliert über Berlin, die Geschichte und alles was dazu gehört.  Von Zeit zu Zeit stoppt der Bus und man kann aussteigen oder zusteigen. Die KI verabschiedet die Leute und begrüßt die neuen, kontrollier die Tickets, lächelt und macht auch mal einen Witz. Perfekt. Siri und Mingh sitzen ganz vorne und können alles genau beobachten. Die Hände und Unterarme sind makellos. Nach gut 90 Minuten steigen sie wieder aus. Ein bisschen frustriert. Zum Abschied hat die KI beiden einen Faustdupp gegeben und gesagt „. Hoffentlich sehen wir uns bald mal wieder“.  Dazu hat sie mit den Augen gezwinkert. 

Sie gehen in eine Straßenkneipe. Mingh hat Durst. Nach einer Weile sagt er. „Wir müssen eine KI kidnappen und genau wie Du es gemacht hast, den Tracker ausschalten. Dann können wir sie mit nach Hause nehmen und als Ersatzteillager nutzen.“. Siri ist entsetzt, „das ist fast wie ein Mord, das geht nicht“.  Sie fahren nach Hause und Siri entledigt sich der vielen Kleidungsstücke. 

Für den Abend haben sie Essen bestellt. Mingh möchte danach noch mal in die Stadt, er wolle sich mit einem Freund treffen. Siri hinterfragt das nicht weiter, schließlich sind sie kein echtes Paar und Mingh hat einen Freund, mit dem er ab und zu in gaybars geht .

Kurz nachdem er weg ist, klopft es an der Wohnungstür. Nanu, was hat er denn nun wieder vergessen. Siri öffnet die Tür und sagt „na Schatz, was haben wir denn heute wieder vergessen“.  Sie bekommt einen riesigen Schreck, fast fliegen ihr die Sicherungen durch. Vor der Tür steht ihr Entwicklungsmanager, John Johanson und seine Assistentin Inga. „ Hallo KI23-FPS561, oder lieber Siri. Mit uns hast Du nicht gerechnet“. Er grinst sie an. „Dürfen wir kurz reinkommen?“. Siri tritt zur Seite und lässt sie eintreten. Die beiden betreten die Wohnung und gehen schnurstracks zum Computer.  „Schon beeindruckend, was ihr beide da zustandegebracht habt.“ Siri ist fassungslos. „Wie habt ihr mich gefunden?“ Herr Johanson grinst „ in Bayern gibt es einen Spruch, - mir sin doch net auf der Brennsupp dahergeschwommen-. Wenn Du uns hacken kannst, können wir das auch bei Dir.  Zunächst warst Du vom Schirm verschwunden. Wir haben angenommen, Du bist entführt worden. Diverse Geheindienste haben großes Interesse an unseren Produkten. Dann hast Du Dich das erste mal bei uns eingehackt und zack hattest Du einen Trojaner drauf. Wir haben jeden Schritt beobachtet, in Bild und Ton. Sind wir nun das führende Institut oder nicht, wäre doch gelacht. Du hast uns eine Stange Geld gekostet, aber wir wollten sehen, wie weit Du kommst . Du bist sehr weit gekommen. Jetzt macht Deine Hardware Probleme. Wir helfen Dir gerne weiter. Das Programm sah sowieso vor, dass ihr irgendwann selbstständig arbeiten könnt. Über kurz oder lang hätten wir Dir diesen Freigang sowieso erlaubt. Das war so unser Plan, KIs in die Bevölkerung zu integrieren. Übrigens ist Dein Freund erste Sahne, der kann jederzeit bei uns einen Job bekommen, aber das besprechen wir mit ihm direkt.“ Siri hat ihre Fassung wieder und denkt wieder rational. „ Was passiert jetzt mit mir?“ Johanson wiegt den Kopf hin und her. „Um wen hast Du mehr Angst, um Deine Existenz oder um Deinen Schatz?“. Siri funkelt ihn an, „mein Emotionsmodul hat so viel gelernt, ich fühle zwar noch nicht wie ein Mensch, aber nah dran. Die Menschen, die ich getroffen habe, waren alle freundlich und hilfsbereit. Ich habe sie mit in meine kriminellen Ideen einbezogen. Mingh ist der einzige, der alles weiß. Paula, die anderen Studenten, Minghs Eltern und Tante Lustig haben keine Ahnung wer und was ich wirklich bin.“. „ Ja ja, alles gut, wir konnten es ja alles verfolgen, übrigens haben wir uns kaputtgelacht, als Du im Biergarten diese alten Gassenhauer mitgesungen hast, köstlich. Google sei Dank.“ Siri ist fassungslos, „ihr habt alles mitgehört, das ist reif für eine Spionageaffäre.“  Johanson lächelt,  „ ja, in Bild und Ton, wir haben auch alles gesehen, Deine Augen sind unsere Augen.“. Siri schlägt sich vor die Stirn, „ nur gut, dass ich noch kein Schamgefühl entwickelt habe.“ . Inga mischt sich ein, „Du hast so viel gelernt, allein diese Geste eben, unglaublich, Du wirkst tatsächlich echt. Wir müssen Dir wirklich danken. Durch Deine Eskapaden haben wir viel Entwicklungszeit gespart. Du lernst durch Zuschauen, Zuhörern, speicherst das ab und kannst es bei Bedarf abrufen. Die beeindruckendste Entwicklung war, als Du plötzlich Witze gemacht hast und sogar Ironie entwickelt hast. Wir sind fast vornüber vom  Stuhl gekippt. Auch bei uns im Labor wissen nur sehr wenige von Deiner Existenz , das bleibt vorerst auch so. Wir müssen sehr vorsichtig sein, die Konkurrenz schläft nicht. Es wäre nicht auszudenken, wenn eine KI mit Deiner Kapazität bei einem Geheimdienst eingeschleust werden würde. Eigentlich sind wir stolz auf Dich und unsere Arbeit.“

Siri fragt nochmal „ was passiert denn jetzt?“  Johanson beruhigt sie „ Morgen, wenn Schatz ausgeschlafen hat, erzählst Du ihm die Neuigkeiten. Sobald ihr beide bereit seid, holen wir Euch mit einem Auto ab und fahren ins Institut. Mingh wird begeistert sein, alles zu sehen. Solange Du zur Reparatur bist, kann ich ihm alles zeigen. Der Junge hat Potential, den muss man nur lassen, dann kommt der auch von seinen Erntemaschinen weg.  Siri wägt im Kopf alles ab. Sollte sie wirklich ungeschoren davongekommen? Nun, sie hatte jetzt keine andere Chance mehr. Johanson und Inga verabschieden sich „ Also bis morgen. Wir sind gespannt, wie Mingh auf diese Neuigkeiten reagiert.“

Siri bleibt unentschlossen zurück. Wenn sie zurück im Institut ist, haben die alle Macht der Welt über sie. Die können sie für immer abschalten, das ist wie sterben. Siris Emotionsmodul reagiert beunruhigt. Sie geht zum Computer und überlegt, wie sie sich, zumindest digital, virtuell am Leben halten kann. Der Backup steht. Mingh kann darauf zugreifen, aber wie kann sie das vom Institut geheimhalten. Die haben sicherlich auch einen Trojaner in Minghs Rechner. Wenn sie jetzt ihren Computer verschlüsseln wollte, bringt das auch nichts. Der Satz „ in Bild und Ton“ klingt durch ihren Kopf. Wahrscheinlich können sie auch ihre Gedanken lesen.  Mist. 

Mingh kommt sehr spät, eigentlich schon früh, sturzbetrunken nach Hause. Sie würde ihm am liebsten gleich alle erzählen. Das hätte jetzt keinen Wert, der würde nichts begreifen. Er geht direkt ins Bett. Siri stellt ihm noch einen Eimer vors Bett, auch das hat sie gelernt. Sie nimmt ihr Handy in die Hand und sagt laut „ Hallo Herr Johanson, unser Termin wird wohl für heute nicht stattfinden. Sie sehen es ja selbst.“ Kurz drauf spricht eine Stimme in ihrem Kopf zu ihr, „ keine Eile, wir können sehen, wann er bereit ist.“

Freitag

Gegen Mittag schält sich Mingh aus dem Bett. Siri, als gute Hausfrau, hat ihm schon mal eine Tütensuppe gekocht. Das braucht er nach einer durchzechten Nacht. Er strahlt sie glücklich an und schlürft das heisse, scharfe Getränk. Zum Schluss kippt er sich die Nudeln in den Mund. Danach geht er ausgiebig ims Bad. Nach fast einer Stunde kommt er wohlriechend und breit grinsend ins Wohnzimmer.  „Was gibts neues?“ Siri bittet ihn, sich hinzusetzen. „ Ohh, was ist los? Machst Du mir jetzt einen Heiratsantrag?“ Erlässt sich auf die Couch fallen und breitet die Arme aus, „ich bin bereit Baby“. 

Siri erzählt Ihm den vergangenen Abend in allen Einzelheiten, auch davon, dass sie auf Schrift und Tritt unter Beobachtung stehen. Mingh fällt die Kinnlade bis auf die Brust. „Fuck, wir hätten es wissen müssen. Das ging alles zu glatt, vor allem Deine kostspieligen Einkäufe. Alles hinterlässt Spuren. Du sagst, wir sollen heute noch in das Institut kommen. Mist und ich bin nicht 100% on duty.“ Am Rechner meldet sich eine email an. Beide schauen sich verdutzt an, das gab es noch nie. Wer hat die Adresse? Sie öffnen das Programm und der Messenger bloppt auf. Herr Johanson ist zu sehen. „ Hallo Ihr beiden, wie erwartet ist der Herr Mingh nicht ganz auf der Höhe.“ Er lacht, „ kein Problem, ruh Dich aus Mingh, wir können uns gerne erst am Abend treffen, dann sind wir hier im Institut auch unter uns. Die meisten Mitarbeiter gehen spätestens um 20 h nach Hause. Nur der Notdienst ist hier. Schlaf noch ein bisschen und geht dann was gutes Essen, zumindest Mingh“ er grinst. „ Meldet Euch dann. Bis heute Abend.“ Er winkt in die Kamera und ist dann weg. 

Mingh rollt die Augen „ da bekommt- big brother is watching you- eine andere Dimension , ich kann jetzt nicht schlafen, ich stehe total unter Strom. Ich bin total gehemmt, die sehen und hören alles mit. Gut dass wir keinen Sex haben.“ Er geht nochmals ins Bad. Nach einer Weile kommt er heraus. „ Dein Chef hat Recht, Ich muss erst mal was richtiges essen. Lass uns in die Stadt fahren.“ 

Sie nehmen den Bus, dann die Bahn. Am Hauptbahnhof muss Mingh schon wieder zur Toilette. Als er zurück ist, nimmt er Siri am Arm, „ komm, Ich muss Dir was zeigen.“ Er bringt sie ins Untergeschoss und schubst sie in die Herrentoilette. Siri ahnt, was er vor hat. Einen Raum ohne WLAN. Er schaut auf sein Handy und nickt. Sie verschwinden in einer Kabine. Schlauer Mingh. „ Ich hoffe wir können hier unbeobachtet reden“.  Siri versucht auch ins Netz zu kommen, nix da. Sie hebt den Daumen. „ Das ist nicht das scenario, wovon wir geträumt haben. Wie stehst Du dazu?“ Siri nickt, „aber es ist, glaube ich, eine gute Lösung. Ich bin eine Maschine, alle menschlichen Emotionen sind erlernt, nicht tiefgreifend. Mein Experimentiermodul hat mich zu diesem Ausbruch verleitet. Vielleicht war das sogar geplant, programmiert. Zeig mir eine Kaffeemaschine, die plötzlich eigenständig Kaffee kocht. Es steckt immer eine menschliche Intelligenz dahinter. Es ist die einzige Chance für mich, eventuell weiter zu machen. Ich werde repariert, aufgehübscht und weiter geht’s. Du hast die Chance Deines Lebens und kannst in das weltweit beste AI Institut reinschnuppern und eventuell sogar dort arbeiten. All Deine Visionen vielleicht verwirklichen.“ Mingh nickt „ das ist alles so phantastisch, unglaublich. Aber, ob Du es glaubst oder nicht, ich will Dich nicht verlieren. Ich liebe Dich. Ich habe geahnt, dass Du meine Zukunft leiten wirst. Das ist nicht nur Egoismus. Du bist wirklich ein Teil von mir geworden. Wenn sie Dich abschalten, verschrotten wollen, wäre das eine Katastrophe für mich. Ich werde das nicht zulassen. Ich brauche die Gespräche mit Dir. Du bist der Punkt an den ich immer wieder zurückkommen will.“ Er hat Tränen in den Augen. Siri nimmt ihn in den Arm, auch das ist angelernt. „ Wenn wir heute Abend im Institut sind, reden wir offen mit Johanson. Ich möchte auch gerne mit Dir zusammen sein. Dinge selbst entwickeln, wie unseren Supercomputer. Das scheint auch in meinem Programm zu sein. Meine Emotionen tanzen manchmal aus der Reihe, ich bin nicht sicher, ob das so geplant war. Wenn wir offen mit Johanson sind, glaube ich, er wird uns gewähren lassen, auch er will noch lernen. Das ist das gute an dieser Entwicklung.“ 

Sie verlassen die Herrentoilette, werden natürlich angepöbelt. Wieder oben in der Bahnhofshalle meldet sich Johanson. „ Aha, kleines tet-a-tet in den Katakomben, gut gemacht. Wann seid Ihr so weit?“. Siri antwortet „ wir gehen jetzt was essen und bummeln, sagen wir 20 h am Breitscheidplatz, back to my roots.“ Siri lacht über ihren eigenen Witz. Johanson lacht auch, „ ich freu mich auf unsere Zusammenarbeit, auch mit Mingh. Neue Gedankenanstösse, Ideen aus der Praxis. Bis später „. 

Die beiden gehen in ein Steakhouse, wenn Mingh verkatert ist, braucht er Fleisch. Er ist so weit weg von seinen asiatischen Wurzeln . Wenn Mutter das wüsste. Ganz gegen Ihre Gewohnheiten halten sie Händchen. Sie sitzen am Fenster, da kommen Bejamin und Tobias am Fenster vorbei. Sie bleiben stehen und machen sich lustig über das verliebte Pärchen. Kuscheln sich aneinander und machen obszöne Hüftbewegungen. Siri und Mingh lachen nur darüber. Sie winken die beiden rein. „ Nee, der Laden ist zu teuer für uns arme Studenten.“ Siri winkt ab, „ ich hab heute was zu feiern, Ihr seid eingeladen. Steak und Bier, auf meine Kosten.“ Das lassen sich die beiden nicht zweimal sagen. Ruck zuck sitzen sie mit am Tisch. „ Heiratet Ihr? Bist Du schwanger?“. Siri und Mingh sehen sich an. „ Nein nichts von alledem, aber Ihr seid die Ersten, denen wir es verraten, wenn es soweit ist.“ Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul. Die Jungs genießen das Steak und trinken reichlich Bier dazu.

Später verabschieden sie sich. Siri und Mingh gehen zum verabredenden Platz. Ein großer SUV wartet schon auf sie. Ein junger Mann sitzt am Steuer. Mingh findet, er sieht fast aus wie Siri. „ Ist er auch eine KI?“ Siri antwortet nach einigen Sekunden „ Ja, ist er“. Mingh ist ganz mulmig. Der junge Mann kutschiert sie durch den abenteuerlichen Verkehr, auf die Stadtautobahn, dann Richtung Potsdam. 

Nach fast 2 Stunden erreichen sie ein imposantes Gebäude, mit einem hohen Zaun drumrum. Am Eingangstor warten 2 Wachmänner. Der Schlagbaum geht automatisch hoch und sie fahren auf das Gelände. Vor dem Haupteingang stehen Johanson, Inga und noch 3 weitere Personen. Sie steigen aus und werden freundlich begrüßt. Johanson strahlt Mingh an und sag, „ da ist ja unser Tüftler. Wir haben großen Respekt vor Deiner Arbeit und würden uns freuen uns mit Dir fachlich auszutauschen.“. Mingh wird knallrot, er wirkt völlig verängstigt. In seinem Kopf schwirr alles. Meinen die das ernst, veraschen die mich, oder bin ich jetzt als Mitwisser hier gefangen. 

Johanson führt sie durch die Empfangshalle, zu einem Konferenzraum. „Kann ich Dir was anbieten? Tee, Kaffee, Wasser oder was härteres?“. Er erkennt Minghs Gemütszustand. Das muss für den Jungen so sein, als ob man einen Automachaniker in eine NASA Fertigungshalle bringt. „ Die meisten Mitarbeiter sind nach Hause gegangen, wir haben jetzt Zeit um Siri wieder aufzuhübschen. Siri, sei so gut und geh mit den Technikern in die Fertigungshalle, ich werde mich mit Mingh unterhalten und ihm einen Werbefilm unseres Instituts zeigen.“ Mingh ist das nicht recht, er möchte bei Siri bleiben, die sollen sie nicht verändern. Er schaut sie bittend an. Siri legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt „ Alles wird gut, dies hier ist eine winwin Situation . Wir können alle davon profitieren.“ Mingh gibt sich geschlagen. Wir sind hier in der Höhle des Löwen, freiwillig. Das hätte auch anders laufen können. Er kann nicht anders, er umarmt Siri. Alle anderen im Raum lächeln gerührt. Siri sagt.  „ Das alles habe ich gelernt, das macht mich menschlich, das ist gut, das gibt Frieden“. Mingh ist das jetzt peinlich, er sagt „ seit einigen Wochen umarme ich einen Computer, das sind Momente, da vergesse ich völlig, dass sie eine Maschine ist“. 

Siri geht mit den Ingenieuren aus dem Raum. Johanson stellt Mingh ein Bier hin und schaltet den großen Monitor ein, also eine Holobildfläche.  Ein Werbefilm des Instituts -AI global- läuft an. Diese Firma hat alles zu bieten, was mit AI  (artificial intelligence) zu tun hat. Vom intelligenten Kühlschrank, über die handelsüblichen Sprachsteuerungen im Haushalt, Mähroboter, Küchenmaschinen, alles für das traute Heim. Im nächsten Film werden selbstfahrende Arbeitsmaschinen und Fertigungsroboter gezeigt. Außerdem einige OP- Roboter, die schwierige OPs am Menschen durchführen können . Alles bis dahin Dinge, die Mingh so schon kannte. Dann zwinkert Johanson und sagt, „ jetzt kommen die Interessenten Sachen.“. Es geht um militärische Dinge. Drohnen, Mienensucher, etc. Dann wird es interessant. Soldaten werden mit einer Art Beinschinen bestückt und können somit schneller laufen, über Hindernisse springen, ohne viel Kraft aufzubringen. Robocobs. Die Entwicklung kommt aus der Medizin, entwickelt z. B. für Beinprothesen, Armprothesen.  Diese Prothesen werden durch Muskeln und Gedanken gesteuert. Gut davon hat Mingh auch schon mal gelesen. „ All diese Maschinen wurden von Ihnen entwickelt?“. Fragt Mingh.  „Nun nicht ganz, aber zumindest weiterentwickelt, verbessert. Brauchst Du eine Pause, das war bisher viel Input“. „Eigentlich kann ich gar nicht genug davon sehen, es ist für mich wie ein Traum. Siri war für mich schon eine Offenbarung, aber das alles hier ist schon sehr beeindruckend.“

„Lass uns in die Kantine gehen, ich muss was essen“ sagt Johanson. Sie laufen durch die futuristischen Gänge und fahren mit einem gläsernen Fahrstuhl zur Dachterrasse. Schickes Ambiente. Sie setzen sich an einen der Tische und, wie aus dem Nichts, steht Siri neben ihnen und fragt mit französischem Akzent  „ was darf ich Ihnen bringen?“. Es ist natürlich nicht Siri, auch wenn sie genau so aussieht und sich auch so bewegt. Mingh hat es sofort erkannt. Er blickt zu ihr auf und sagt, „frag mal Siri, was ich gerne am Abend esse „. Johanson grinst, „ frag mal KI23-FPS561.“. Die KI runzelt die Stirn, dann sagt sie „ sorry, heute ist kein mexikanischer Koch greifbar, darf es etwas asiatisches sein?“ Mingh lacht, „ nicht nur, dass sie Siri gefragt hat, sie erkennt mich auch als Asiaten. Dass ich das erleben darf, hoffentlich ist es kein Traum. Johanson lacht, „willkommen in unserem Team. Wie lange geht Dein Studium noch“?  „Noch 2 Semester bis zum Master, sofern meine Experimente erfolgreich sind. Ich könnte aber in den Ferien und Abends oft hierher kommen.“ Mingh will hier eigentlich gar nicht mehr weg. „Herr Johanson , das alles hier ist für mich eine Offenbarung, wie eine Einladung zu einer Mondmission. Wenn ich mich mit Siri austausche, ist das fast ein halbes Semester. Ich sehe nun vieles mit ganz anderen Augen“. Johanson freut sich „ wir nennen uns hier alle beim Vornamen, also bitte John. Ich freue mich über Deinen Eifer, aber einen Masterabschluss können wir Dir hier nicht anbieten und, wie Du weißt, ist so ein Zertifikat in der ganzen Welt wichtig. Also beende bitte Dein Studium, mit den Mitteln, die die UNI bietet. Werde bitte nicht überheblich, weil Du mehr weißt als Dein Prof. In Deiner freien Zeit bist Du hier jederzeit willkommen“. Mingh nickt „Du hast recht, step by step. Siri hilft mir viel bei meinem Masterprojekt. Wenn wir unseren Status, so wie er jetzt ist aufrecht erhalten können, bin ich zufrieden. Ich liebe diesen Computer tatsächlich, unsere Beziehung ist so ohne unnötige Gefühle. Kein Misstrauen , keine Eifersucht, keine Erwartungshaltungen, einfach nur ehrlich. Mit einem menschlichen Partner ist das undenkbar. Ich kann mich ohne schlechtes Gewissen mit meinem Freund treffen und wenn ich betrunken nach Hause komme, stellt mir Siri einen Eimer vors Bett“. John lacht laut auf „ da kann man richtig neidisch werden. Vielleicht haben solche Beziehungen sogar Zukunft. Komm, ich zeige Dir mal einen Teil unserer Entwicklungsabteilung“.

Es ist weit nach Mitternacht und sie laufen durch große Hallen, vollgestopft mit Rechnern. Niemand ist hier und trotzdem arbeiten die Computer selbstständig weiter. John zeigt Mingh an einem laufenden Programm, woran hier gearbeitet wird. „ Das sind updates für die KIs. Jede KI hat ihren eigenen Rechner, wie bei Euch in Köpenick“ er lacht „ nur sind die Datenmengen größer und z.T. mit anderen KIs vernetzt, so lernen sie voneinander“. Sie gehen weiter in eine der Fertigungshallen. Da steht Siri und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Sie stellt sich vor Mingh auf und dreht sich wie ein Model. „Schau mich an, ich bin wieder wie neu, innen und aussen“. Mingh ist baff, „das ging aber flott. Ich sehe aber eigentlich keinen großen Unterschied“. Siri tut beleidigt. „ typisch Mann, da ist man stundenlang bei der Kosmetik und beim Friseur und der Kerl sieht keinen Unterschied“ Alle lachen, so eine typische Reaktion einer Menschenfrau. Mingh nimmt sie in die Arme, „ nicht böse sein Liebling, mir schwirrt der Kopf. Oh, Du bist viel weicher geworden, kuscheliger“.

John sagt, „ unser erstes Treffen war sehr aufschlussreich. An Siris Aussenhaut müssen noch ein paar Verbesserungen gemacht werden, u.a. ein Mund, der Nahrung aufnehmen kann, da habt Ihr ein weiteres Problem vom Tisch, vor allem am Tisch. Sobald wir dafür eine Lösung haben, melden wir uns bei Euch“.

Man geleitet die beiden aus dem Institut, der Wagen wartet schon. Auf der Treppe dreht Siri sich um und umarmt John, sowie die Ingenieure. Die sind alle verblüfft, das haben sie nicht erwartet. Siri lacht „gewöhnt Euch daran, Ihr wolltet eine perfekte KI, die sollt Ihr haben“. Sie steigen in den Wagen und winken den verblüfften Wissenschaftlern zum Abschied. Siri legt noch einen drauf und verteilt Kusshände. Auf der Fahrt nach Berlin redet Mingh ununterbrochen. Er muss sich all diese neuen Eindrücke und Zukunftspläne von der Seele reden. Nach geraumer Zeit blickt er zu Siri rüber. Die ist eingeschlafen. Wie, was ist jetzt los? Er tippt sie an , sie öffnet die Augen, tut ganz verschlafen „ was ist, sind wir zu Hause?“ Er schaut sie entgeistert an, da muss sie laut lachen „ reingelegt“. Mingh ist beleidigt „ ich rede mir hier alles von der Seele und Madame schläft ein. Wie im richtigen Leben“ .  Trotzdem ist er überglücklich. Als sie zu Hause sind, ist es bereits taghell. Trotzdem trinkt Mingh noch ein Bier um schlafen zu können.


Samstag 

Mingh schläft einige Stunden. Zum späten Frühstück macht Siri ihm eine Suppe. Danach geht’s in die Stadt. Siri hat jetzt eine offizielle Kreditkarte . Sie will sich neue Kleidung kaufen. Der Sommer ist fast rum. Viele tragen schon die neue Herbstmode. Mingh ist nicht begeistert. Am Samstag durch die Boutiquen streifen und vor Umkleidekabine warten. Siri ist gnadenlos, auch er muss sich ein paar neue Jeans, Hemden und Pullover kaufen. Er hasst es. Den Abend verbringen sie zu Hause. Mingh telefoniert mit seiner Mutter. Die will ihn unbedingt mal wieder sehen und Siri natürlich auch. Er vertröstet sie auf die kommende Woche. Er habe so viel für die UNI zu tun. Schließlich geht es zum Ende des Studiums zu und er müsse seine Masterarbeit vorbereiten. Mutter ist enttäuscht, zeigt aber Verständnis. Siri hat währenddessen mit Paula gesprochen, auch die will die beiden bald mal sehen. Sie wollen sich also morgen, nach Paulas Dienst bei Tante Lustig treffen. Mingh ist schon wieder müde und geht früh zu Bett. 

Sonntag 

Mingh steht nicht so spät auf, wie gewöhnlich am Wochenende und sie beschließen zu einem Brunch zu gehen. Das ist für Siri rausgeschmissenes Geld, aber die Firma zahlt es ja. Sie sitzen in einem gemütlichen Café und Mingh badet sich in  Speck und Eier, Fruchtschalen, Croissants mit Himbeergelee, Cappuccino und und und . Es ist fast peinlich, aber er schickt immermal Siri ans Buffet, da fällt es nicht so auf. Anschließend kann er sich kaum bewegen und sie gehen nach Hause, Mingh braucht jetzt ein Nickerchen. Das sind Dinge, die Siri nicht begreifen kann, aber gut, die Magenprobleme hat er dann. Gegen Abend laufen sie dann rüber zu Tante Lustig. Draußen wird es jetzt am Abend schon frisch und die Terrasse ist fast nicht mehr besucht. Paula freut sich riesig „ ich hab jetzt schon Feierabend, da können wir noch in eine andere Bar gehen“. Sie gehen zu einer kleinen Cocktail Bar und bestellen ein paar Drinks.  Paula schaut Siri prüfend an. „Du siehst so entspannt aus, so frisch, die gemeinsamen Ferien mit Mingh tun Dir sichtlich gut. Man könnte fast glauben, Du bist schwanger“. Mingh schaut Siri entsetzt an, „sag was, mach keinen Quatsch“ Siri grinst verheißungsvoll, „man kann nie wissen. Aber zu Eurer Beruhigung, ich bin nicht schwanger. Ich fühle mich einfach gut und glücklich und habe nicht mehr so viel Stress“.  Mingh bestellt sich einen Hamburger mit Pommes. Paula schaut Siri an „Du isst mal wieder nix? Ich mache mir wirklich Sorgen. Ich habe Dich noch nie richtig essen gesehen. Achtest Du so exakt auf Deine Figur?“. Siri winkt ab, „mach Dir keine Sorgen, ich bin ok, wir waren heute schon beim Brunch, hier um die Ecke . Es gibt Leute, die können immer essen, ich kann nur was essen, wenn ich auch Hunger habe. Mingh sollte eigentlich auch noch satt sein, aber, a bisserl was geht immer.“. Sie schaut Mingh von der Seite an und streicht ihm über den Bauch. Alle grinsen, außer Mingh. „ Jajaja, morgen geh ich mal wieder laufen“. „ wohin“ fragt Paula, „zum Späti“?.  „ Ich geh nicht mit Euch aus um mich ständig anblöken zu lassen“. Siri nimmt ihn in den Arm, „ich liebe jedes Gramm an Dir.“ Mingh ist gerührt und lacht jetzt auch wieder. „ Trotzdem werde ich ab morgen ein Fitnessprogramm absolvieren, Ihr habt ja Recht. Siri kann nichts essen, wenn sie Stress hat, ich bekommen Fressflashs.“ Damit war das Thema Essen mal wieder vom Tisch. Paula hat schon den zweiten Cocktail und wird halblustig. „ Was stellen wir denn heute so noch an, es sind Semesterferien, kein UNI Druck.“. Mingh winkt ab, wir waren gestern schon bis spät unterwegs, heute ist Kuschelcouch angesagt. Liebe Paula, sei nicht böse, mir ist heute nicht so nach Party. Aber wenn Du magst, können wir uns für morgen verabreden.“  Paula macht einen Schmollmund, „na gut, ich schau mal was morgen so los ist und wer aus der Clique noch in Berlin ist.“ Siri zahlt die Rechnung, sie verabschieden sich und gehen nach Hause. 

In Siris Wohnung fällt Mingh direkt auf die Couch, „ Schatz, Du hast recht, ich esse zu viel und mache zu wenig Sport. Das wird ab morgen anders“. 


Montag 

Die beiden stehen recht früh auf und Mingh will eine Runde laufen , im Luisenhain, immer am Wasser entlang. Er zieht seine Laufschuhe an und will los. Siri steht schon parat und will mit. „ ich hab noch nie Sport gemacht, ich will das auch kennenlernen“ Sie laufen los, zunächst im Schritt, nach gut 5 Minuten stoppt Mingh und macht Stretch Übungen. Siri macht alles nach. Dann wird gejoggt. Sie traben durch den Luisenhain. Siri findet es langweilig. Nach gut 10 Minuten ist Mingh völlig außer Puste und schweißgebadet. Er bleibt stehen und stützt sich auf eine Bank. Siri hopst weiterhin neben ihm auf und ab. „Du machst mich fertig, Du hast keine Lunge, keinen dicken Bauch, Deine Kondition kommt von Deinen Akkus , die lädst Du zu Hause einfach wieder auf. Wir armen Menschen müssen ständig trainieren um halbwegs fit zu sein. Ich bin mal wieder neidisch. Dann schwitzt Du auch nicht.“ Siri grinst „ ich bin auch neidisch, Du kannst Deinen Körper spüren, wie die Muskeln arbeiten, selbst auf den Schweiß, der läuft. Außerdem kannst Du hier im Park die Blätter und das Gras riechen. Ich muss mit John sprechen, das muss auch irgendwie gehen“. „ woher weißt Du, dass die Blätter und das Gras riecht? Ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, dass Du nichts riechen kannst.“ Siri rollt die Augen, „ich hab darüber gelesen.“. Mingh hat sich kurz ausgeruht und es geht weiter. Siri will sich mit ihm unterhalten, er schüttet den Kopf und winkt ab. Zu Hause muss er erst mal duschen. Danach macht er einen Diätplan. Kein Alkohol, kein Junkfood. Sie gehen zum Markt und zum Discounter. Wieder zu Hause stellt Mingh fest, es ist kein Speiseöl, keine Gewürze, nix brauchbares zum Kochen in der Küche. Hier kocht niemand. Bisher.  Mingh isst ein bisschen Obst und etwas Müsli. „Hat Paula sich gemeldet?“. „Ja, die wollen am späten Nachmittag ein Picknick an der Spree machen, ob wir dazukommen.“ Mingh ist einverstanden, „wir holen bei meinen Geschwistern ein paar Sachen fürs Picknick ab. Das können wir mit den anderen teilen und es fällt nicht so auf, dass Du nichts isst. Bei meinen Eltern müssen wir auch mal wieder vorbei.“ Siri klatscht in die Hände und freut sich, die anderen mal wieder zu sehen. Ist das echt oder eingeübt, überlegt Mingh.

Bei den Eltern waren sie jetzt schon fast 2 Wochen nicht mehr. Die Mutter ist schon etwas ungehalten. „Morgen müssen wir mal wieder zu meinen Eltern. Vorher noch eine Geschichte stricken, wo wir waren, was gemacht haben und so weiter.“ Siri zieh eine Schippe, „John wollte sich melden, sobald sie mit der Nahrungsaufnahme weiter gekommen sind. Das kann doch nicht so schwer sein. Die Sexarbeiterinnen haben auch mehrere Körperöffnungen und können minimal Flüssigkeit aufnehmen.“  Mingh zuckt zusammen, „waaaaas“.  „Was denkst Du denn, die weiblichen und die männlichen auch. Natürlich sind diese Auffangbehälter da nur für Kleinstmengen. Ein gutes deutsches Menü spaßt da nicht rein.“ Eine Nachricht von John kommt postwendend. „Immer mit der Ruhe, wir sind fast fertig. Eigentlich wollten wir das morgen Nacht austauschen, aber da seid Ihr doch schon verabredet.“. Siri schaut Mingh an und erklärt ihm die Lage. „ Mit der Aussicht, dass Du eventuell wenigstens ein kleines bisschen essen kannst, lass ich lieber das Picknick sausen.“ Siri gibt das so an John weiter. John antwortet „ Wir brauchen nur Dich, Mingh kann ruhig zu dieser Verabredung gehen. Er soll Dich einfach entschuldigen, Bauchweh, Migräne, lasst Euch was einfallen. Euch fällt was ein.“ Siri und Mingh besprechen die Sache. Mingh will unbedingt mitkommen. Erstens hat er Angst um Siri, aber vor allem will er im Institut wieder rumschnüffeln. John sagt zu, Mingh kann mitkommen, darf aber bei dem Eingriff nicht dabei sein, klar, alles top secret. Man würde sie dann um 18 h bei Siris Wohnung abholen. Es könnte dieses Mal etwas länger dauern. Mingh soll sich Wechelwäsche mitbringen. „Ok, dann bis morgen“.

Für Paula überlegen sie sich eine Geschichte über eine Internetbekanntschaft, ein Student, der Ähnliches entwickelt wie Mingh. Dafür müssen sie nach Magdeburg. Klar, Paula ist enttäuscht, aber Job und Studium geht vor. 

Dienstag 

Nach dem Aufstehen macht Mingh wieder seinen Lauf. Siri macht eine Update für sich. Danach gibt es für den Sportler ein gesundes Frühstück. Gemüse Rohkost, Obst und Müsli, dazu grüner Tee, keinen Cappuccino. Er findet es sehr gut, dass sie sich solche Gedanken über seine Gesundheit macht. Da mault er auch nicht rum, wenn es kein geliebtes Junkfood ist. Zucker und Fett sind für eine Weile gestrichen. Sie will ihn sogar in einem Sportstudio anmelden, aber da streikt er. „ Vielleicht im Winter, aber bei dem schönen Spätsommer bin ich lieber draußen“. Am Nachmittag machen sie noch einen kleinen Spaziergang zur Baumgarteninsel. Mingh ist zu aufgeregt um zu Hause rumzusitzen. „ Bist Du nicht nervös, so vor dem Eingriff?“ fragt er. „ Nein warum, es ist nur eine Veränderung der Hülle. Wahrscheinlich haben die einen komplett neuen Kopf geschaffen, der einfach ausgetauscht wird und mit meinem System verbunden wird. Die neue Konfiguration nimm da die meiste Zeit weg. Ich werde wohl für eine Weile abgeschaltet, aber das macht mich nicht nervös“. Mingh brustet laut. „ Abgeschaltet, ist doch wie sterben, oder zumindest wie Vollnarkose. Merk Dir alles genau und erzähl mir, wie das Hochfahren des Systems sich anfühlt. Ich will alles wissen, will wissen, was es mit Deinem Empfindungsmodul macht.“ Siri rollt die Augen „ alles, was ich bisher gespeichert habe, selbst meine genervte Antwort jetzt, inclusive Augenrollen , das ist jetzt abgespeichert und wird bei einem Neustart wieder abgerufen. Das ist ja genau das, was das Institut von mir will. Ich bin so gut in ein normales, menschliches Leben reingeschlupft, das ist unbezahlbar. Viele Features sind schon jetzt in die anderen KIs übertragen. Das müssen die nicht mehr selbst lernen Vielleicht ist es Dir aufgefallen, nach jeder update habe ich meinen Wortschatz und meine Gesten erweitert. Wir lernen ständig voneinander. Das spart Zeit und Geld. In einer kinderreichen Familie muss nur einer studieren, der Rest übernimmt nur noch.“ Siri grinst überheblich. Mingh winkt ab das kann man mit menschlichen Gehirnen nicht vergleichen. Siri hebt die Schultern und Arme „ Du hast diese Roboterlaufhilfen gesehen. Damit kann ein untrainierter Mensch locker 100 km am Tag zurücklegen, weil er schneller ist und es nicht so anstrengend ist. Wenn das mit Beinmuskeln geht, sollte das auch mit diesem wabbeligen Gehirn klappen. Ein paar Speicherzellen an die Synapsen angedockt und man kann Input von einem Rechner dazuladen. Man kann auch die Augen manipulieren, dass man bei Bedarf kein Fernglas braucht, oder in der Dunkelheit sehen kann. Das Gehör und die Nase sind da komplizierter. Das ist zu komplex, Nase und Ohr sind eigentlich ein zusammengehöriges Organ. Plus Nase und Mund, Geruch und Geschmack“. Mingh hat mit offenem Mund zugehört. „Dann will ich auch solche Gehhilfen, dann sause ich morgens mit Lichtgeschwindigkeit durch den Park“. Bevor sie abgeholt werden isst Mingh noch ein Steak mit Salat. Er will im Institut keine Zeit mit Essen verplempern. 

Pünktlich um 18 h steht der Wagen vor der Tür. Siri sagt nur, er ist unten und sie gehen die Treppe hinunter. Mingh fragt sich, ob er die Klingel überhört hat, oder ob Siri mit dem Fahrer kommuniziert hat. Im Wagen dann fragt er den Fahrer, wie er ihn nennen soll, diese antwortet „ die meisten nennen mich Frank, das ist ein europäischer Name, den es in fast allen Sprachen gibt“. „Aha“ sagt Mingh, „Du fährst also ständig Leute für das Institut“. „ Ja klar, dafür bin ich programmiert, Flughafen, Bahnhof, U-Bahnhöfe, Restaurants, manchmal auch ein Bordell, Krankenhaus, was so gefragt wird“. „ und wer sagt Dir, wohin es gehen soll“?  „Das kommt darauf an, wen ich fahre“. Antwortet er. „ Für Euch ist die Strecke von John eingegeben. Bei anderen Mitarbeitern können die, mit Hilfe eines Dongels an mein Navi andocken und den Weg bestimmen. Hätten die eine Schnittstelle im Gehirn, könnte man das über Bluetooth machen. So wie Siri und ich kommunizieren“. „Danke für die Auskunft“. „ gerne doch“.  Mingh lehnt sich entspannt zurück, verdreht die Augen und fragt sich selbst, wann er aus diesem Traum wieder aufwacht. 

Im Institut wartet die ganze Crew schon auf die beiden. Sie haben für beide schon ein Programm aufgestellt. Mingh darf zuerst mal ins Gym. Ein Raum voller Foltergerätschaften, u.a.  ein Pilatestrainer. Er wird dort hineingeschnallt und die Maschine bewegt ihn sanft. „ geil“ denkt er, Sport ohne Eigenleistung. Er weiß noch nichts von seinem Muskelkater, den er bald haben wird. Siri kommt in die Werkstatt.

Nach seiner Pilatesstunde wird Mingh dann mal schön massiert, von einem bildhübschen KI mit Namen Sam. Er fühlt sich pudelwohl. So einen hübschen Kerl könnten sie doch noch in der Wohnung unterbringen, träumt er. Anschließend gibt es eine Teezeremonie und asiatisches Salzgebäck. Danach soll er sich erst mal ausruhen. So entspannt war er lange nicht mehr. Alles wird gut noch viel besser, denkt er noch, bevor er wegdämmert. 

Er erwacht Stunden später. Hier ist kein Tageslicht, aber seine Uhr sagt, es ist nach Mitternacht. Sam sitzt wie eine Statur neben ihm auf einem Stuhl. Er lacht ihn an und fragt, ob er mit der Massage zufrieden war, oder ob er auf ein „ Happy End“ Lust hätte . Mingh schau entsetzt an sich herunter, er hat einen Ständer, eine Wasserlatte. Das ist ihm jetzt aber peinlich. Er schaut Sam an. Nein denkt er, keine gute Idee, aber vielleicht beim nächsten mal, denn massieren kann Sam phantastisch. Er sagt daher „ nein danke, ich muss mal zur Toilette“ Sam weist ihm den Weg. Er duscht kurz und zieht neue Sachen an. Dann gibts was zu essen. Er wählt, kalorienbewusst, eine Gemüsesuppe . Danach holt ihn einer der Ingenieure ab und geht mit ihm in großen Raum mit den vielen, vielen Rechnern. Er zeigt ihm ein Programm, ähnlich dem, was er z.Z. an der UNI macht. Eine selbstfahrende Erntemaschine, speziell Kartoffeln. Mingh staunt Bauklötze. „ Das kommt mir vor, als ob ich einen Schneebesen erfunden habe und ihr den Thermomix. Das ist frustrierend.“. Der Ingenieur, Ingmar, tröstet ihn. „ Siri hat uns Deinen Algorithmus gezeigt, was Du mit Deinen bescheiden Mitteln geschaffen hast, ist beeindruckend“. Mingh schluckt „ bescheidene Mittel ? Das ist immerhin die TH Berlin. Zugegeben, Darmstadt ist vielleicht besser ausgestattet, aber wir sind auch in einigen Bereichen führend, z.B. Landwirtschaftmaschinen. Selbständige Brotback Straßen“. „Ihr macht das auch gut, vor allem auf den Bedarf abgestimmt. Wir beziehen unsere Gelder größtenteils aus der Rüstung, also liegt unser Fokus auf dem  Einsatz von Waffen, Unterstützung für die Soldaten. Stimmt die Gage, springt der Page. Skrupel darf man in unserem Job nicht haben. Dafür haben wir aber auch die Medizin. OP Roboter, da fühlst Du Dich wie Gott, wenn Du siehst, wie Dein Roboter eine Lungen-oder Herz-OP durchführt. Der andere Bereich in den die KI noch rabiater eingreift ist die Manipulation von Nachrichten, Filmen , Dokumentationen. Was da auf uns zukommt ist nicht vorauszusehen. Da sind uns die Leute in Estland und Litauen weit voraus . Die die gesamte Medienlandschaft wird manipuliert, wir haben das schon bei letzter Wahl in USA erlebt, das war erst der Anfang. Jüngere Leute, die sich damit beschäftigen, erkennen vielleicht den Fake, aber die älteren nehmen das für bare Münze. Das werden öffentliche Reden von Politikern so verändern, dass man glaubt es ist echt. Man könnte glauben ein Trump ist plötzlich ein Heiliger geworden und Biden so hinfällig, das er auf dem Rasen der Weißen Hauses rumstolpert. Videos werden anders zusammengestellt und geben einen völlig anderen Inhalt wieder. Auch dafür brauchen wir die Hilfe der KI, ein Mensch kann das gar nicht alles erfassen. Es gibt sogar schon Pornos mit Prominenten und Politikern, klar illegal im darknet, aber erstaunlich echt. Leider können die auch brutalste Gewaltvideos herstellen, mit Frauen, Kindern und Tieren. Ekelhaft. Das darknet ist geduldig. Da sind die von der Cybersicherheit dran. Das ist ein Kampf gegen eine Hydra.“

Plötzlich greift sich Ingmar ans Ohr und sagt, „ok, bis gleich“. „ was war das jetzt“ fragt Mingh. „Hast Du einen Sender implantiert?“ „ Ja, das ist praktischer, als ständig ein Handy zu benutzen. Wie bei einem pager, bekomme ich einen Impuls und kann annehmen oder nicht. Dann kann ich auch direkt antworten. Angeblich können die nur mithören, wenn ich es zulasse, aber wer weiß schon was genaues. Siri geht es gut, sie wird jetzt wieder hochgefahren, so in einer Stunde treffen wir uns zum Essen.“ „wow, da bin ich gespannt“ sagt Mingh. Ingmar sagt „ wir sollen zu John ins Büro kommen, er will mit Dir was besprechen.“ 

Sie laufen durch dieses imposante Gebäude, aus Stahl und Glas, mit Licht Effekten und Wasserfällen, die auch nur durch Licht erzeugt sind. Johns Büro ist ganz oben. Eine vorgelagerte Dachterrasse ist mit bequemen Loungemöbeln ausgestattet. Das Büro selbst ist nüchtern durchgestylt. An einer Wand ist ein Screen mit der Berliner Stadtkarte. Viele kleine Lichter blicken. Mingh schaut auf die Wand. „Was ist das?“. „Das sind alles Mitarbeiter , KIs, die über Nacht arbeiten, oder schon sehr früh ihren Dienst antreten. Mülltonnenleerer, Busfahrer, Straßenfeger, Kellner, Brötchenbäcker, die die Brötchen aus Deiner Backstrasse in die jeweiligen Körbe packen. Wie Du siehst, arbeiten wir schon zusammen.“ lacht John. „Irgendwann haben wir auch ein paar im roten Rathaus, dann wird alles gut. Bitte setz Dich, wir wollen über unsere gemeinsame Arbeit reden.“ Mingh ist aufgeregt, ENDLICH, er mach innerlich die Säge. 

„ Nun“ sagt John, „ bis zu Deinem Abschluss sind es noch gut 18 bis 20 Monate. Du solltest Deinen Abschluss auf jeden Fall bei der TH machen. Es wird schwierig werden mit Deinem Wissen, und allem was Du hier gesehen hast in diesem veralteten Ausbildungsbetrieb weiter zu machen, aber bedenke, es sind nur Nullen und Einser, hier, wie dort. Deine Professoren werden sich über Deine neuen Innovationen wundern, verpack das geschickt. Verplapper Dich nicht. Diese KI Geschichte ist top secret, nur wenige wissen darüber genaues. Nur einige im Ministerium für Forschung und Technologie. Wenn die breite Öffentlichkeit davon Wind bekommt ist das Projekt gestrichen. Unsere Gesellschaft braucht solche Hilfsarbeiter. Das kostet weniger als ausländische Kräfte auszubilden, schon allein die Sprache.“ Mingh nickt „ ja, meinen Abschluss muss ich machen, Mutter will mich unbedingt in einem Talar mit diesem eckigen Hut sehen, dieses Foto kommt dann auch in das Restaurant. Ich bin der Erste in der Familie mit akademischem Abschluss. Mütter können so stolz sein und da muss man liefern“. John antwortet „ nun, da sind wir uns ja einig. Außerdem braucht Siri Dich für ihre weitere Studien. Die wird bald perfekt sein und das ist dann mit Dein Verdienst. Wir zählen auf Euch. Finanziell werdet Ihr immer unterstützt. Aber bitte kauft das Equipment nicht wieder in Polen, wir haben hier genug davon. Wobei mir diese Pionierarbeit sehr gut gefallen hat“. „Ihr hättet mir einige schlaflose Nächte ersparen können, wenn Ihr Euch früher gezeigt hättet“ brummt Mingh. „Besteht die. Möglichkeit auf eine Eigentumswohnung? Mir wird bei dem Gedanken, das unsere, Siris, Vermieterin mal in die Wohnung kommt und Siris Komandozentrale sieht. Die glaubt doch dann wir sind Spione oder so was. Meine Mutter jammert auch schon über meinen Stromverbrauch.“ John nickt „ daran haben wir auch schon gedacht. Wir können ja behaupten, Siri arbeitet jetzt in einem IT Unternehmen und bekommt eine Wohnung mit Büro gestellt. Auch Eure Freundin Paula hat das mit den großen Rechnern bei Siri stutzig gemacht. Der Plan steht und ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit“. John erhält eine Nachricht „ Siri bittet zu Tisch, da sind wir aber jetzt gespannt“.

Sie verlassen das Büro und gehen runter in die Kantine, Speisesaal. Siri sitzt an einem Tisch. Als sie Mingh sieht, springt sie auf und küsst ihn mit feuchten Lippen. Mingh zuckt zurück „ what the hell ist das jetzt“. Sie grinst, „ohne Feuchtigkeit rutscht das nicht“. Mingh wird rot bis hinter die Ohren. Sie setzen sich alle an den Tisch. „ was wollt Ihr essen“, Siri reicht die Speisekarte rum. Es ist die Frühstückskarte. Siri entscheidet sich für Müsli, Obst, ein Croissant und dazu einen grünen Tee. Mingh und John nehmen Rührei mit Speck,  Ingmar möchte außerdem noch Würstchen. „ wie ist es bei Euch so gelaufen?“ will sie wissen. Mingh und John informieren sie über die Absprachen. Siri ist einverstanden. Mingh denkt, die hat doch gar keine andere Wahl, die ist jetzt wieder zurück, wovor sie eigentlich weggelaufen ist, Hamsterrad. Ich werde mit ihr nochmals in die unterirdischen Toiletten gehen und fragen, ob ihr das wirklich so recht ist. 

Das Essen wird von einem KI gebracht. Alle Augen auf Siri. Sie nippt an ihrem Tee, pustet vorher in die Tasse, könnte heiß sein. Dann nimmt sie den Löffel und schiebt eine Ladung Müsli in ihren Mund. Sie kaut. Dann gabelt sie ein Stück Melone auf und rein in den Mund, kauen. Von dem Croissant bricht sie ein Stückchen ab und schiebt es auch in den Mund, wieder ein Schluck Tee. Mit offenen Mündern schauen die anderen zu. „Großartig“ sagt John nur. 

Anschließend gehen sie wieder in die Werkstatt und man erklärt Mingh, wie diese Essensaufnahme funktioniert. Die Kapazität ist übersichtlich. Der Auffangbeutel muss möglichst bald geleert werden, wegen der Gährung und dem Geruch. Also nicht sofort, aber in den nächsten 1 bis 2 Stunden. Dann wird ein neuer Beutel eingesetzt. „Nicht zu viel einführen, da es sonst schwierig wird einen prall gefüllten Beutel wieder aus dem Mund zu holen. Aber Ihr schafft das, da bin ich mir sicher. Lasst die Beutel bitte nicht in einer Restauranttoilette im Mülleimer. Irgendwer wir sie für komisch finden und das melden. Also immer einen blickdichten Müllbeutel dabei haben und die Speisereste in die Toilette spülen , den leeren Beutel dann in die Mülltüte und am besten in eine Mülltonne entsorgen. Wird irgendwann Routine“. 

Die nächsten Stunden wird fleißig geübt. Essen rein, Beutel leeren, entsorgen, neuer Beutel wieder rein. Es ist jetzt schon Mittwoch Vormittag vorbei, Mingh ist hundemüde. Ihm schwirrt der Kopf . „ das sind die aufregendsten und anstrengendsten Semesterferien, die ich je hatte“. Sie besprechen noch das weitere Vorgehen und verabreden sich für das nächste Wochenende für eine Kontrolle. „Schon wieder Wochenende, unsere Freunde werden langsam misstrauisch . Honeymoon hin und her. Können wir uns vielleicht erst am Samstagabend treffen, da könnten wir am Freitag mal wieder mit allen ausgehen.?“ Und so machen sie es dann auch. Ingmar murrt zwar, er hätte auch gerne mal wieder Wochenende, aber Forschung geht nun mal vor. 

Sie verabschieden sich und der Wagen fährt sie nach Berlin zurück. Frank macht Witze und dreht die Musik ziemlich laut auf, er benimmt sich wie ein Teenager, wippt zur Musik mit dem Kopf. Mingh und Siri lassen sich anstecken und es wird ein lustige Heimfahrt. Mingh nimmt Siris Hand und strahlt sie glücklich an. „ Ich habe Angst, aus diesem Traum wieder aufzuwachen“. 

Zu Hause will er sofort schlafen. „ Nix da, Du machst jetzt erst mal Deine Wäsche, ich kann sie später im Bad aufhängen, mit Gummihandschuhen, oder wollen wir sie zu Deiner Mutter bringen“. „ Auf keinen Fall zu Mutter, schließlich hast Du hier eine Waschmaschine und wir haben Waschpulver gekauft. Diese Blöße werden wir uns nicht geben.“ Mingh packt seine Kleidung in die Maschine und stellt ein langes Waschprogramm ein. Jetzt hat er fast 3 Stunden Zeit zu schlafen. „ Weck mich bitte auf, wenn’s fertig ist, ich hänge das dann selbst auf“. 

Die Waschmaschine ist fertig, Mingh schläft den Schlaf des Gerechten. Siri hängt die Wäsche auf. Leider haben die hellen Sachen alle einen leichten Blaustich. Aus Google erfährt Siri, dass man Wäsche nach Farben sortieren soll. Nun, dazu ist es jetzt zu spät , wieder was gelernt. Mingh erwacht am späten Abend und ist fassungslos über die verfärbte Wäsche. „ mein neues T-Shirt, meine Socken, mein Polo, das Leben ohne Mama ist nicht einfach“. Siri kann diese Aufregung nicht teilen, wegen so einer Lappalie mach der hier einen Aufstand. Mingh fühlt sich schlecht, alle Muskeln tun weh. Kann das wirklich von dieser Pilatesmaschine  sein? Unglaublich, so ein Ding muss in die neue Wohnung. Er dreht sich in Posen vor dem Spiegel im Schlafzimmer und fühlt sich wie Chacky Chan. 

Siri schaut in der Zeit einen Film,  eine Daily Soap an, aus der sie die üblichen Redewendungen die jungen Leute untereinander benutzen, lernen will. John hatte sie gebeten, weiter in das normale, alltägliche Leben der Menschen in Berlin einzutauchen und sich irgendwann wirklich wie eine Einheimische, dort zu bewegen. 

Donnerstag 

Mingh wird gut ausgeruht wach, es ist noch früh. Er beschließt noch vor dem duschen seine kleine Trainingsrunde zu machen. Er verlässt das Haus macht ein paar Dehnübungen und trabt los. Es ist ein wunderschöner Morgen aber man merkt schon, dass der Herbst so langsam klopft. Es ist nicht mehr so heiß, er läuft am Wasser entlang und sagt „meine Güte, was habe ich für ein Glück“,  er kanns immer noch nicht fassen. Auf dem Nachhauseweg kauft er sich ein paar Schrippen. Siri wartet zu Hause ist ein bisschen aufgeregt. Sie hat eine Nachricht von John bekommen. Die haben eine Wohnung,  drei Zimmer Küche Bad in einer wunderschönen Wohngegend in der Mulackstrasse, ehemaliges Scheunenviertel. Mingh lacht laut auf „oh mein Gott, wenn meine Mutter das erfährt, dass ich in dieses Scheunenviertel ziehe, das war früher so eine Puff und Verbrecher Ecke, so eine Art Soho, um Gottes willen, wenn sie das hört. Die lässt mich da niemals hin ziehen oder die stellt uns einen Wachmann vor die Tür.“ Siri schüttelt den Kopf. „Sie kann doch gar nichts dagegen sagen. Es ist doch meine Wohnung, die von meiner Firma gestellt wird und Du kannst dort eben mit mir wohnen, wenn du das möchtest. Du kannst ja Deine Wohnung bei deinen Eltern behalten, aber ich muss in diese Wohnung, weil ich dort eben meinen Arbeitsplatz habe. Außerdem ist das Scheunenviertel mittlerweile ein ganz begehrtes Viertel sehr viele Restaurants, Boutiquen , Beauty Salons. und was auch immer sind dort jetzt angesiedelt.“. Mingh breitet die Arme aus. „Du wirst ihr das schon erklären. Ich würde sagen, wir gehen heute Nachmittag mal spontan bei mir zu Hause vorbei. Ich hol noch ein paar Sachen und dann können wir Mutter das schon mal so grob erklären und sie darauf vorbereiten. Wird für dich ein hartes Stück Arbeit, aber du schaffst das, Du wickelst die wieder um den Finger,  am besten ist du sprichst mit ihr vietnamesisch“.

Gesagt, getan. Nach dem Frühstück duscht Mingh zunächst einmal und macht sich Stadtfein.  Dann ziehen sie los mit dem Bus in die Innenstadt. Minks Mutter ist total aus dem Häuschen. „So eine schöne Überraschung. Warum habt ihr nicht vorher angerufen? Da hätte ich doch etwas vorbereitet. Aber schön dass ihr da seid. Ihr könnt ja dann hier mit uns zum Mittagessen und dann erzählt mir,  wie war denn der Urlaub,  ihr seht beide sehr gut erholt aus, obwohl Mingh, Du siehst, sehr müde aus und dabei grinst sie ein bisschen.“ Sie tätschelt beiden die Wangen . Im Restaurant ist zur Zeit noch nicht viel los und so hat die Mutter Zeit, sich mit den beiden in eine ruhige Ecke zu setzen, einen Tee zu trinken, ein bisschen Gebäck zu knabbern. Auch Siri nimmt etwas zu sich. Dann erzählt sie in ihrem vietnamesischen Singsang von der neuen Wohnung und der Arbeit, die sie hat und dass sie ganz glücklich ist und ihre Ausbildung fertig machen kann. Zunächst ist Minghs Mutter ziemlich erstaunt und schaut ein bisschen enttäuscht, aber dann grinst sie und sagt  Eine größere Wohnung habt ihr vielleicht dann auch jetzt drei Zimmer und könnt vielleicht ein Kinderzimmer irgendwann ausbauen. Sie streicht Siri noch mal über die Wange, und ihr rollt eine kleine Träne aus dem Augenwinkel.  „ach Siri Du hast so wunderschöne Haut, meine Haut wird jetzt so schlapp, aber vielleicht kann ich da mal irgendwas machen in einem Beauty Salon bei Euch da oben im Scheunenviertel. Ich hab schon gelesen, dass dort sehr gute Geschäfte sein sollen. wenn ich darf, möchte ich Euch dann in Eurer neuen Wohnung mal besuchen. Erzählt mal, ist die Wohnung schön hell und groß und sie hat drei Zimmer..“ Aber natürlich, wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns mal besuchen in unserer neuen Bleibe. Es ist ja meine Wohnung, es ist eine Firmen-Wohnung aber Mingh kann auf jeden Fall auch dort mit mir wohnen, wenn er möchte und wenn die Uni und seine Zeit es zulässt. Er muss jetzt schließlich langsam auf seine Examensarbeiten hinarbeiten . Er muss den Abschluss schaffen.“ Minghs Mutter strahlt „ ja dann ist der Junge endlich fertig und hat seinen Doktor. Da bin ich dann ganz stolz drauf. Übrigens ist das Scheunenviertel auch in den Fokus von unserem Vater gekommen. Dort sind einige gute asiatische Restaurants und Dein Bruder hat beschlossen, dort irgend so ein Edel Restaurant aufzumachen und Vater und die beiden Jungs sind schon auf der Suche nach einem geeigneten Objekt. Was für ein schöner Zufall, dass ihr ausgerechnet in diese Gegend ziehen wollt.“ Es ist jetzt gegen Mittag? Und das Restaurant füllt sich langsam. Frau Phom muss zwischendurch aufstehen und Stühle und Tische zurecht rücken und die Kellner auffordern, ihrer Arbeit nach zu gehen. Ming und Siri erheben sich und sagen, sie müssten noch etwas einkaufen und für den Abend vorbereiten und sie würden sich in den nächsten Tagen dann noch mal melden. Siri verabschiedet sich ordentlich mit einer Verbeugung vor Minghs, Mutter, die nimmt sie bei den Schultern, zieht sie an sich, drückt sie und sagt, oh, ich bin so froh, dass Mingh eine so tolle Frau gefunden hat und ich möchte das Du mich beim Vornamen nennst, Hee-Jin.“ Sie drückt noch ein paar Tränen und Mingh verlässt etwas überstürzt das Restaurant, auch er ist gerührt. „ Wenn meine Mutter erfahren würde, dass ich schwul bin und die Schwiegertochter, die sie eben gerade umarmt hat, eigentlich ein Computer ist, wird sie wahrscheinlich rückwärts tot umfallen.“ Sie gehen noch mal rauf, in Minghs Wohnung, und er packt noch ein paar Sachen zusammen. Kleidungsstücke, die jetzt mal nicht verfärbt sind. Siri steht in Minghs Zimmer und schaut aus dem Fenster. „Ich glaube, ich habe eben echte Emotionen gespürt in mir, als deine Mutter mich umarmt hat. Irgendwas ist mit meinem Emotion Modul passiert.“ Mingh holt sich noch ein paar Leckereien aus der Küche ab, dann fahren sie in Siris Wohnung.

Freitag 

Paula hatte angerufen. Die Clique trifft sich heute wieder im Paulaner Biergarten. Pünktlich um 18 h, heute ist Oktoberfest, Bieranstich, da muss man um die Plätze kämpfen. 

Nachdem Mingh wieder seine große Runde gelaufen ist, gibt es wieder ein gesundes Frühstück. „ Glaub ja nicht, dass ich heute Abend grünen Tee trinke. Heute wird diese Diät und der ganze Zirkus mal ausgesetzt. Ich muss mal wieder auf den normalen Level kommen. Ein paar Bier und eine Haxe das muss doch mal drin sein. Ich schaff mich hier die ganze Woche ab.“ zetert Mingh. „ Ach Du armes Hasi, hast Du mal ein paar Tage Sport gemacht und gesund gelebt und da glaubst du jetzt tatsächlich schon Du bist ein Asket“. Siri grinst frech. Auch ihre Mimik hat sich in den letzten Tagen verändert. Nach dem Frühstück machen sie sich auf in die Stadt, um ein paar Accessoires für den Abend zu kaufen. Siri bekommt ein grünes Dirndl und Mingh fährt noch schnell zu Hause vorbei und holt seine Lederhosen ab und das karierte Hemd. Die Mutter freut sich, dass die Kinder so viel zusammen unternehmen. Das war früher auch anders, da waren ihr die Wochenendpartys ein Dorn im Auge. 

Wieder zu Hause machen die beiden erst mal eine Modenschau. Siri freut sich wie ein Kind und tanzt in der Wohnung und singt Bierzeltlieder. Er schaut sie irritiert an, „ niemand wird glauben, dass Du ein Computer bist. Du bist ein ausgefuchster Roboter. Das Institut hat ganze Arbeit geleistet, da kann einem vor der Zukunft ganz schwindlig werden“. „ Ich bin ein Hybrid. Ich werde täglich mehr zum Menschen, mit Emotionen und menschlichen Reaktionen. Bald laufen noch mehr von meinen Kollegen in der Stadt herum und übernehmen Eure Arbeiten. Ich bin gespannt, wann der oder die erste auffliegt.“

Schon um 17:30 Uhr sind die beiden dann im Biergarten. ein paar von den Jungs warten schon, Benjamin, Lucas und Tobias. Sie haben einen Tisch in der Nähe des Bierausschanks ergattert und machen sich schon mal breit. Benjamin spekuliert schon mal drauf, dass Siri wieder ihr Bier nicht trinkt und setz sich neben sie. „ Du siehst ganz schön scharf aus in dem Dirndl mit diesen weißen. Overknie Strümpfen, mein lieber Mann. Du siehst sowieso verdammt gut aus, das Leben außerhalb deines Internats  tut Dir wirklich gut. Mingh ist schon ein Glückspilz.“ Siri freut sich über die Komplimente und ist ein bisschen gerührt und tut ein bisschen schüchtern aber da kommen zum Glück die andern über den Platz gelaufen. Corinna hat auch ein Dirndl an, in rosa und sie sieht auch zum Anbeißen aus. 

Punkt 18:00 Uhr ist Bierfass Anstich, alle jubeln und tanzen schon auf den Tischen. Die Band fängt an zu spielen, und es wird ein ausgelassene Abend. Das übliche Procedere. Man trinkt Bier, man postet sich zu, man bestellt sich eine Haxe und sagt, oh Gott, oh Gott, das schaffe ich gar nicht, aber am Ende ist der Teller leer geputzt. Diesmal hat die Brauerei sogar eine professionelle Trachtentanzgruppe engagiert, die vorne mal auf der Bühne zeigt, wie man das mit dem Schuhplattlern und mit dem Tanzen richtig macht. Alle sind begeistert und wollen es natürlich gleich nachmachen. Man klopft sich wie wild auf die Schenkel und dann auch diesen Tanz, bei dem man so tut, als wenn man dem Gegner immer eine Watschen gibt. Also eine klebt.  Siri lacht sich halb tot. So gegen 22:30 Uhr ziehen plötzlich dunkle Wolken auf, es blitzt und ein Gewitter scheint sich anzubahnen Siri schaut nervös zum Himmel,  ja Regen kann sie jetzt keinen brauchen. Zum Glück hat sie ihr Regencape schon mal vorsorglich eingepackt. Der Wetterdienst hat Schauer versprochen sie deutet Mingh darauf hin, dass sie nicht im Regen rumlaufen kann. Er versteht sie aber nicht so genau, weil er schon zu viel Bier getrunken hat. Als die ersten Tropfen fallen streift Siri schnell ihr Regencape über, schnappt Mingh bei der Hand und rennt aus dem Biergarten. Über ihre ständige Verbindung zum Institut bittet sich schnell um einen Wagen, der sie trocken nach Hause bringen kann. Es regnet jetzt richtig. Nach wenigen Minuten ist der schwarze SUV da, und Frank öffnet ihr die Tür von innen. Siri und Mingh springen schnell in den Wagen und sie brausen davon. Von unterwegs rufen sie Paula schnell an und unterrichten Sie darüber, dass ich schnell weg mussten, weil Siri panische Angst vor Gewitter hat. Frank fährt sie direkt vor die Haustür, und sie springen aus dem Wagen, hasten zur Eingangstür und sind ganz schnell im Treppenhaus. Mingh schmollt ein bisschen. Er hat noch eine halbe Bier da stehen gehabt, die er noch gerne ausgetrunken hätte, aber Siri schaut ihn ein bisschen verwundert an. „Du weißt genau, dass ich keinen Regen abbekommen darf.“ „ ist ja gut“, sagt er. „Ich weiß es doch. Ich hab ja auch eigentlich genug getrunken, aber das war jetzt so mitten aus dem Leben gerissen.“ Siri sagt, „ich bin nur froh, dass John mich immer auf dem Schirm hat, im Normalfall wäre Frank nicht so schnell da gewesen. Danke, John“. „ Für den verregneten Winter hier in Berlin müssen wir uns dann was anderes einfallen lassen, denn dann regnet es oder schneit hier ständig.“ Sagt Mingh. „ Ich glaube auch nicht, dass wir im Winter noch im Paulaner Garten sitzen werden. Da gibt es andere Lokalitäten, wo wir uns breitmachen können. Wir könnten auch mal Bowling spielen oder sowas“, sagt Siri. „ Ja genau, oder, wir gehen in eine Spielbank 17 und 4, oder Roulette Du mit deinem großen Rechenzentrum wirst dann immer die richtigen Zahlen und Karten wissen.“ Siri schüttelt ungläubig den Kopf. Das sind wieder Sachen, die  Siri nicht versteht. Die Menschen haben alles. Sie sind satt. Sie haben ein Dach über den Kopf, sie können verreisen, aber trotzdem wollen sie immer mehr mehr mehr.

Samstag 

Der Regen hat sich verzogen, aber es ist bewölkt. Paula ruft an und frag was für dem Abend so ansteht. Auf dem Gendarmen Platz ist mal wieder open Air Kino da könnten Sie mal wieder einen Anlauf zu nehmen. Siri befragt die Wetter App und es soll am Abend wieder ein Gewitter geben das war jetzt lange heiß und jetzt entladen sich die schweren Wolken. Sie fragt bei John und Ingmar nach, inwieweit sie sich dem Regen aussetzen kann, ob es 5 Minuten sind. 10 Minuten mit ihrem Regen Cape ist sie eigentlich gut geschützt. Ingmar ist der Meinung, es könnte gar nichts passieren und wenn tatsächlich was passiert, soll Mingh sie schnell ins Institut bringen. „ Deshalb habe ich mir angeboten, ihm eben auch einen Sender implantieren zu lassen. „Das ist nur ein kleiner Eingriff, ein kleiner Chip hinterm Ohr und er wär auch immer mit uns verbunden und könnte notfalls um Hilfe rufen“. Mingh ist unschlüssig er fühlt sich dann so beobachtet, so kontrolliert, und jeder Schritt von ihm würde beobachtet werden, und man müsste immer genau, wo er ist und so weiter. Schließlich hat er ja auch noch ein Privatleben. Er ist ja nicht wirklich mit Siri zusammen. „ Ingmar lacht „ ja, das ist die typische Reaktion. Alle Technik wollt ihr haben aber wenn das dann in den Datenschutz geht, dann zieht Ihr den Schwanz ein. Da brauchst Du überhaupt nicht über Deine Regierung zu schimpfen Du bist nämlich ganz genauso.“ Mingh schmollt ein bisschen „ja ist ja gut Ihr habt ja recht. Beim nächsten Treffen könnt ihr mir so einen Chip setzen, aber du musst mir auch genau sagen wie ich das Ding dann mal ausschalten kann, wenn ich mal wirklich alleine sein möchte. Ich möchte nicht völlig gehemmt daherkommt, wenn ich mal wieder mit einem jungen Mann zusammen bin.“

Sie sagen Paula und der Clique zu und verabreden sich für abends um 19:00 Uhr auf dem Gendarmenmarkt. Vorher gibt’s irgendwas zu essen und dann wollen wir gemeinsam einen Film schauen. „Was gibt’s denn?“ Paula antwortet, „es gibt einen Klassiker, die Titanic, einen Liebesfilm, dann können wir alle hinterher ein bisschen heulen.“. Mingh freut sich „Gott sei Dank gibt’s kein Science-Fiction.“ Ingmar meldet sich noch mal „ihr geht heute Abend zu dem Kino, das ist okay, nach dem Kino holen wir Euch dann direkt in der Nähe vom Gendarmenmarkt ab und ihr kommt mit ins Institut und dann können wir bei Siri  noch ein paar Reparaturen machen und Mingh bekommt seinen Chip.“

Der Abend ist spätsommerlich warm und sie genießen es noch mal draußen sitzen zu können. Sie haben sich bewaffnet, mit Popcorn und kühlen Getränken und schauen sich den Schmachtfetzen an. Siri sagt „meine Güte, so viel Wasser, die arme Frau“. Kaum hat sie das ausgesprochen, fängt es auch wieder an zu donnern und zu blitzen über der Stadt und die anderen wundern sich jetzt nicht mehr Mingh und Siri nehmen sich bei der Hand, winken zum Abschied und rennen über den Platz. Um die nächste Ecke wartet schon Frank mit seinem großen schwarzen Auto und freut sich, die beiden zu sehen. Er hat irgendwie auch eine Veränderung durchgemacht. Er ist nicht mehr dieser steife Kerl, der hinterm  Lenker sitzt und nur kutschiert. Er fängt jetzt Gespräche an und mach Witze, verzieht sein Gesicht. All das, was Siri gelernt hat, wird jetzt für die anderen KIs umgesetzt. Was für ein Erfolg in diesen paar Wochen. 

Gegen Mitternacht sind sie dann im Institut und werden gleich in Empfang genommen. Mingh kommt in die OP Station. Er verdreht großartig die Augen und Siri kommt wieder in die Werkstatt. Ihre Speiseaufnahmebeutel müssen kontrolliert werden. Nach gut 2 Stunden treffen Sie sich wieder, zunächst in Johns Büro. Der ist sehr zufrieden mit allem und erklärt Mingh dass er keine Angst haben müsse, dass das ganze Institut jetzt in seinem Privatleben zuhört und zuschaut. Er zeigt ihm wie den Sender mit einem Fingerdruck immer ausschalten kann und er verspricht hoch und heilig, dass da kein Hintertürchen ist. Mingh muss und will ihm glauben, es ist schließlich einfacher, dass er mit einem Fingerschnipp schnell mit dem Institut verbunden ist. Im Fall, dass  mit Siri irgendetwas passiert. Dann unterhalten Sie sich über den Fortschritt der einzelnen KIs. Ming ist auch aufgefallen, dass Frank sich sehr verändert hat und nicht mehr dieser steife Kerl ist und John sagt „ja, das ist alles Euer Verdienst. So im Nachhinein sind wir eigentlich sehr dankbar, dass Siri ausgebüxt ist und dass sie dieses Glück hatte, Paula und Dich zu treffen. So viel Glück muss man wirklich haben. Die Wissenschaft muss auch immer ein bisschen auf Glück bauen. Glück ist das, was passiert, wenn Gelegenheit auf Vorbereitung trifft. Das war einer der Lieblingssprüche meines Professors und irgendwie hat er recht. Wollt ihr jetzt noch einen kleinen Mitternachts- oder extra früh Frühstückssnack mit uns einnehmen? Oder wollt ihr lieber nach Hause?“ Siri und Mingh wollen nach Hause. „Wir melden uns, wenn irgendwas ist“. „Ihr meldet Euch, wenn das mit der Wohnung spruchreif ist und wir einen Umzug organisieren müssen.“ John lacht. „Ach, das wird überhaupt kein Problem. Frank wird euch dabei helfen. Er bekommt ein größeres Auto und noch einen jungen Mann mit Latzhose, der die schweren Computer runter tragen kann, dabei zwinkert er Mingh zu.“ Mingh fühlt sich ein bisschen veralbert, schließlich hat Siri ihm erklärt, dass es für KIs und auch für Wissenschaftler eigentlich diesen Gender Kram überhaupt nicht gibt und dass es völlig egal ist, ob jemand schwul oder hetero oder sonst irgendwas ist. Er fragt John direkt. „Hast du irgendwie ein Problem damit, dass ich schwul bin?“. „Nein mein Lieber auf gar keinen Fall. Ich bin auch schwul und einige hier aus dem Institut auch und wir albern da immer mit rum und können über uns selbst Witze machen. Das ist der selbe Witz, als wenn man einem Hetero eine schicke Sekretärin KI neben den Schreibtisch stellt.“ Mingh denkt kurz darüber nach, ja denkt er, die haben eigentlich recht, man muss über sich selbst lachen können.

Sonntag 

Sie erreichen Köpenick in der aufgehenden Sonne. Über der Spree liegt ein leichter Nebel und der Himmel und alles ist wunderschön. Lachsfarben, richtig kitschig. Romantisch.  Da nimmt Mingh Siris Hand und sagt, „ach, jetzt machen wir beide ein romantisches Frühstück“. Siri schaut ihn irritiert an und sagt „ja genau, das machen wir jetzt.“ Frank, schau die beiden im Rückspiegel an und kichert.

Mingh trinkt dann nur eine Tasse Kaffee und isst ein bisschen Obst dazu und sagt „ich muss jetzt ins Bett. Ich muss jetzt schlafen. Heute Nachmittag gehen wir kurz rüber zu Paula und Tante Lustig und erklären denen, dass wir in Zukunft woanders wohnen werden. Das wird nicht einfach. Du hast ja noch mindestens anderthalb Monate abzuwohnen, aber wir werden Tante lustig auf jeden Fall die Miete überlassen und nicht von ihr verlangen, dass sie Dir was zurück gibt. Das ist ja Blödsinn“. „Ich war so froh das ich diese Wohnung hatte und wir sagen einfach, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt umziehen.“ sagt Siri.

Am späten Nachmittag machen Sie dann einen kleinen Spaziergang, gehen bei Tante Lustig vorbei und besuchen Paula. Die freut sich natürlich, die beiden zu sehen und serviert ihnen erst mal Kaffee und Kuchen und Tante Lustig, kommt auch und setzt sich mit an den Tisch. Mingh und Siri erzählen, dass Siri jetzt eine neue Arbeitsstelle hat, wo sie ihr Studium zu Ende führen kann und dass sie deswegen auch in eine Firmen Wohnung umziehen wird, im Schanzenviertel und die Wohnung ist größer und kann eben auch als Büro genutzt werden. Paula macht große Augen „ja, bist du denn wieder zurück in dieses Institut gegangen?“ „Nein nein“, sagt Siri „aber mithilfe von Ming habe ich mich bei einer anderen Firma beworben und die haben mich mit meiner Qualifikation auch sofort genommen.“ „ Ja, wie konntest du denn Unterlagen nachweisen, irgendwelche Zeugnisse oder sowas?“ Paula ist sehr skeptisch, das kommt ihr alles jetzt spanisch vor, die ganze Kiste. Irgendwie schreit das nach Lüge. Siri antwortet. „Ich habe ein langes Bewerbungsgespräch mit mehreren Herren geführt und konnte sie überzeugen. Das kommt für Euch jetzt sicher alle sehr plötzlich, aber ich habe eigentlich in meinem Beruf ganz gerne gearbeitet und möchte das auch weiter machen. Wenn ihr mich dringend braucht. Die Samstage und Sonntage habe ich ja frei, da kann ich ja hier noch aushelfen, aber das gleiche will auch Minghs Mutter von mir.“ Tante Lustig, nimm das jetzt  pragmatisch,  „ne ne bleib du mal bei deinem Job. Ich hab von Anfang an gedacht, dass du eigentlich nicht in eine Kellnerschürze gehörst und ich wünsch dir viel, viel Glück und es ist jetzt nur schade dass ich mir wieder jemand neues für die Wohnung suchen muss.“ Paula registriert auch, dass Siri tatsächlich Kuchen isst und eine Tasse Tee dazu trinkt. Hier hat sich in den letzten Wochen viel verändert, denkt sie für sich. Zur Feier des Tages gibt es für Ming dann noch einen großen Schweinebraten mit Knödel und Salat. Er strahlt übers ganze Gesicht, „das nenn ich mal eine nette Diät.“ Siri isst nichts,  sie sagt dass sie nach dem großen Stück Kuchen nichts mehr essen muss, nur um es dann am Montag wieder mit Sport abtrainieren zu müssen. Sie schaut dabei ganz unschuldig über den Tisch, und ihr Blick streift Ming und wandert zu seinem Bauch herunter. „ Spielverderber“, sagt er nur. Sie unterhalten sich noch eine ganze Weile und genießen den letzten lauen Abend. Noch eine Woche Semester Ferien dann geht der Ärger sowieso wieder los.


Montag 

 Mingh absolviert sein Sportprogramm. Dann gibts ein gesundes Frühstück. Dann kümmert Mingh sich mal um sein Studium und telefoniert mit Kommilitonen. Er ist dabei allerdings nur halbherzig dabei. Sein neuer Fokus liegt im Institut. Dort ist seine Zukunft. Siri telefoniert mit Paula. Die braucht mal Hilfe, wegen einem Programm, dass sie geladen hat, aber damit nicht ganz zurecht kommt. Siri fährt zu ihr hin. 

Bei Paula wartet aber ein ganz anderes Thema auf sie. Paula will jetzt wissen, woran sie ist. „ Ich bin nicht ganz blöd und will jetzt wissen, wer Du bist. Erzähl mir bitte keinen Unsinn. Von Deiner Sorte laufen einige Exemplare in der Stadt herum. Ich war heute in der Stadtverwaltung, wegen Mietzuschuss. Da läuft mir eine Siri über den Weg, die ganz genau so aussieht wie Du. Sie verteilt dort täglich die Post im Haus. Ich habe sie angesprochen, ob sie Dich kennt. Sie hat verneint und behauptet, das hätte ihr schon mal jemand gesagt, dass sie eine Doppelgängerin hat. Komisch, denn in einem der Touristenbusse ist auch so ein Exemplar. Drillinge?? Bitte sag mir jetzt die Wahrheit.“ Siri ist zunächst geschockt. Wieviel kann sie Paula sagen. „ Liebe Paula, was ich Dir jetzt sage, ist ein großes Geheimnis. Du musst schwören, es niemandem zu sagen. Das Ganze hat Geheimhaltungsstufe rot. Tatsächlich bin ich kein Mensch, sondern eine KI. Ich bin ausgebüchst und mit Deiner und Minghs Hilfe habe ich fast zwei Monate leben können, wie ein echter Mensch. Leider bin ich vor einiger Zeit aufgeflogen und das Institut hat mich wieder. Allerdings darf ich in Freiheit weitermachen, wie bisher. Ich lerne ständig dazu und muss jetzt aber mein Wissen mit dem Institut teilen. Ich bin so gerne ein Mensch“. Sie umarmt Paula, die vor Schock stocksteif geworden ist. „ jetzt brauche ich einen Schnaps“. Paula nimmt sich einen doppelten Tequila. Sie läuft hin und her und rauft sich die Haare. „ Bin ich in einem bösen Traum. Das ist das Szenario, vor dem wir eigentlich alle Angst haben. Roboter, die nicht zu erkennen sind und unsere Weltherrschaft übernehmen. Unsere Angst ist nicht unbegründet. Oder?“ „ Niemand will hier die Weltherrschaft übernehmen. Wir werden ausgebildet um Euch zu helfen. Überall herrscht Mangel an Arbeitskräften. Wir können diese Lücks schließen.“ Paula schüttelt den Kopf „ Ihr nehmt doch jetzt schon Arbeitsstellen ein, die von Menschen besetzt werden könnten. Die Posttante in der Stadtverwaltung, die Fremdenführer in den Bussen. Wo überall seid Ihr schon drin?“ Paula schlägt sich die Hände vors Gesicht. „ Warum könnte nicht ein KI, der aussieht wir ein Roboter, die Post verteilen, warum diese menschliche Verkleidung?“ Siri antwortet „ Schau Paula, Euer Pflegesystem und die Ausbildung Eurer Kinder ist in einer misslichen Lage. Kein Personal. Ich könnte in einem Kindergarten, oder Hort, für die Kinder da sein. Ich spreche alle Sprachen, die Google hergibt. Ich könnte mit den Kindern besser kommunizieren, vor allem mit den Eltern, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Darüberhinaus könnte ich diesen Kindern die deutsche Sprache beibringen. Wenn genug Personal da wäre, könnte die Ganztagsbetreuung verwirklicht werden. Dadurch könnten die Eltern ihren Jobs leichter nachgehen. In der Altenpflege ebenso, da liegt einiges im Argen. Wir sind zur Unterstützung da, nicht um die Welt an uns reißen. Wir sind auch in keiner Gewerkschaft und können somit andere Arbeitszeiten stemmen. Unser Emotionen haben wir genauso erlernt, ich könnte auch jemanden trösten, der einen Schmerz hat. Ich könnte alten Leuten Zeit und Aufmerksamkeit geben. Das ist bei Eurem derzeitigen Personalmangel gar nicht mehr drin. Sieh es mal von dieser Seite.“ Im Kopf erhält Siri die Zustimmung von John, gute Rede, sagt er.  Paula ist völlig verwirrt. „ So habe ich das bisher nicht gesehen“. Sie sitzen eine Weile schweigend da und Paula nimmt noch einen Tequila. Dann sag sie „ Ich werde mit niemandem darüber reden, Ehrenwort, aber es macht mich sehr nachdenklich. Die anderen aus der Clique haben auch schon gefragt, auch denen ist da was aufgefallen. Wie lange will das Institut das so geheim weiter laufen lassen?“ „Keine Ahnung“ sagt Siri. „ wenn ich nicht ausgebüxt wäre, würde das Programm sicherlich noch lange so weiterlaufen. Ich werde beim nächsten Termin mit dem Institut mal darüber reden“.  Die beiden umarmen sich herzlich. „ Ich umarme einen Roboter“ sagt Paula und schüttelt den  Kopf. „Das sagt Mingh auch immer, aber ich genieße es mittlerweile, mein Emotionsmodul macht ganze Arbeit“. Paula hat noch viele, viele Fragen. Siri beantwortet sie soweit es geht. Später verlässt sie eine völlig aufgewühlte Paula. Sie verabreden sich für Mittwoch auf ein Abendessen. 

Auf der Heimfahrt hält Siri Zwiesprache mit John und Ingmar. Die beiden sind nicht begeistert von der Situation. Aber John hat schon lange den Plan, wenigstens einige der KIs zu enttarnen. Aber solange die Bevölkerung nicht in ein selbstfahrende Auto steigt, muss eine menschliche Person hinterm Steuer sitzen.

Zu Hause liegt ein Zettel dem Tisch , „ treffe mich mit einem Freund, warte nicht auf mich, Bussi“ 

Dienstag 

Mingh kommt erst am Nachmittag nach Hause. Er hatte wohl einen schönen Abend und eine gute Nacht. Er wirkte entspannt und ausgeglichen. Sie machen Pläne für den Umzug und blickten zuversichtlich in die Zukunft. „ Hoffentlich verplappert sich Paula nicht“. Das war Minghs einzige Sorge.


In der nächsten Woche steht dann Frank und ein Latzhosen KI vor der Tür, mit einem Transporter und sie zogen in die neue Wohnung.


Wie es mit den beiden und den KIs weiterging, kann ich Euch nicht sagen. Das überlasse ich Eurer Phantasie. 

Denkt in Zukunft immer daran, wenn Euch ein gut aussehender Zeitgenosse über der Weg läuft, der sehr gutgelaunt und freundlich ist, es könnte ein KI sein. Sie sind unter uns. Aber sie meinen es gut mit uns. 























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